Uzumaki

Originaltitel: Uzumaki
Alternativtitel: Uzumaki – Out of this World
Spiral
The Vortex
Genre(s): Horror, Mindfuck
Regisseur: Akihiro „Higuchinsky“ Higuchi
Produktionsland/-jahr: Japan 2000
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Es kann ja durchaus daran liegen, dass mein Interesse an der japanischen Comickultur sich in Grenzen hält, aber Realverfilmungen von Mangas kommen mir wie eine ziemlich seltene Sache vor; gerade im Horrorbereich. Spontan könnte ich nur Ichi the Killer und Oldboy nennen – die sind aber auch brauchbar genug, um trotz fehlender Affinität zu den Zeichenfiguren der großäugigen Spezies dem ganzen aufgeschlossen gegenüberzustehen. Uzumaki basiert jedenfalls auf einem Manga des Lovecraft-beeinflussten Autoren Junji Itō und hält sich zwar offenbar relativ eng an die Vorlage, wurde aber interessanterweise schon vor der Fertigstellung deren letzter Episoden abgedreht, weshalb sich das Ende von Film und Manga unterscheidet.  Wohlgemerkt ist das nur Hörensagen, da ich die Vorlage nicht kenne und den Film daher unvoreingenommen beurteile.

Story

Uzumaki (japanisch für „Wirbel“) spielt in der Kleinstadt Korouzu und wird rückblickend aus der Sicht der Zehntklässlerin Kirie Goshima erzählt (kein Spoiler, wir erfahren das gleich zu Beginn). Sie teilt sich die Protagonistenrolle mit ihrem Kindheits- und Boyfriend Shuichi Saito, seines Zeichens angehender Intellektueller und angsty Teenager. Für dessen eher negative Sicht der Dinge ist vor allem sein Vater Toshio verantwortlich: Auf diesen treffen wir erstmals, als er höchst fasziniert eine Schnecke filmt (das japanische Äquivalent zu „Farbe beim Trocknen zusehen“?) und schon ein paar Zweifel an seiner geistigen Gesundheit aufkommen lässt. Wir erfahren, dass ihn vor allem das Schneckenhaus fesselt – der alte Herr ist besessen von spiralförmigen Objekten und Mustern, hat bereits eine erkleckliche Sammlung entsprechender Gegenstände und wird auch mal eben aggressiv gegenüber seiner Gattin, als diese zu wenig Fischröllchen mit Wirbelmuster zum Abendessen serviert.
Gut, jeder hat so seinen Fetisch, aber tatsächlich liegt wohl mehr im Argen, als sich uns zunächst eröffnet: Shuichi teilt uns seine Beobachtung mit, dass langsam aber sicher jeder Einwohner Korouzus einer ungesunden Obsession für Spiralen unterliegt. An Beispielen wird im Folgenden nicht gegeizt: Ein Lehrer an Kiries Schule stürzt sich eine Wendeltreppe herunter und eröffnet uns das Innerste seines Kopfes, tut dies aber mit einem hochzufriedenen Gesichtsausdruck. Eine Schülerin erkennt das hypnotische Potenzial der Spirale und beginnt, ihrer Frisur ein paar absurde wirbelförmige Locken hinzuzufügen, woraufhin ihre Popularität tatsächlich unwahrscheinlich steigt. Ein weiterer Schüler hat es sich zur Angewohnheit gemacht, nur an Regentagen die Schule zu besuchen und sich grundsätzlich in einem enorm geringen Tempo vorzubewegen; zudem ist er ziemlich – nun ja – verschleimt und besitzt einen merkwürdigen Auswuchs auf dem Rücken. Toshio Saito indes driftet immer mehr in den Wahnsinn ab und hat das ultimative Ziel, seinen Körper in eine Spirale zu verwandeln, was tendenziell nur unter gewisser Beeinträchtigung der Gesundheit möglich ist. Überhaupt wird zunehmend gestorben, und spätestens als der Rauch der Krematorien sich zu einer spiralförmigen Wolke zusammenzieht, kann man wohl getrost davon ausgehen, dass hier tatsächlich einiges verkehrt läuft. Von alldem unbetroffen unterstützen Kirie und Shuichi einen Journalisten von Außerhalb bei der Untersuchung der Vorkommnisse, doch die Geschwindigkeit, in der sich die Spiralenobsession verbreitet, macht dies zu keiner leichten Aufgabe…

Bewertung

Die Ausgangssituation ist schon ziemlich krank und eskaliert auf eine immer abgedrehtere Weise. Im Prinzip entwickelt sich die Story aber nur in einem sehr überschaubaren Maß – in erster Linie werden wir mit den Auswirkungen des „Fluchs“ (ich nenn das einfach mal so; ist ja nicht so als ob der Film irgendwas anderes vorschlägt) konfrontiert, Entstehung und Auflösung spielen keine sonderliche Rolle. Das scheint dem Wesen der Mangavorlage zu entsprechen, in der episodenhaft das Schicksal einzelner Bewohner dargestellt wurde (der Film ist zwar auch in vier Abschnitte unterteilt, wirkt aber durch die die Handlung zusammenhaltenden zentralen Charaktere Kirie und Shuichi relativ homogen) und funktioniert auch gar nicht mal schlecht – eine Neigung zu surrealistischer Filmkunst, die den Fokus vom Erzählen einer Geschichte deutlich in Richtung der eindrucksvollen Darstellung einer absurden Situation verschiebt (Parallelen zu Lynch, insbesondere Eraserhead, sind diesbezüglich kaum zu leugnen) ist aber eine unbedingte Voraussetzung, um nicht am Ende völlig unbefriedigt dazusitzen und den Sinn des soeben Gesehenen zu hinterfragen (das dürfte nämlich eine aussichtslose Tätigkeit sein – Interpretationsansätze werden nicht geliefert).

Hat man sich damit abgefunden, kann Uzumaki vor allem mit seiner durchgestylten Optik punkten. Spiralen sind in mehr oder weniger auffällig platzierten Mustern und Gegenständen, Effektspielereien und Kamerafahrten allgegenwärtig, bzw. nehmen mit dem fortschreitenden Verfall der Stadt in die Obsession immer mehr zu – alles ist letztlich auf die Wirbel ausgerichtet. Zusammen mit der Bildkomposition – dabei insbesondere auch dem Spiel mit Kontrasten und Farben, wobei es Higuchinsky für meinen Geschmack mit dem grünen Farbfilter etwas übertrieben hat – wird eine gelungene unwirkliche Atmosphäre erschaffen, die den dargebotenen Wahnsinn gut unterstreicht. Gelungen ist hierbei auch ein Bruch gegen Ende des Films, der die Vorgänge in der Stadt aus einer anderen Perspektive zeigt und den sonst konsequent durchgezogenen visuellen Stil aufgibt; die albtraumartige Entwicklung also quasi in die Realität überführt. Netter, wirkungsvoller Kontrast zum Rest des Films; das weiß zu gefallen.

So klasse die Atmosphäre und so angenehm skurril die Auswirkungen des Fluches auch sein mögen – letztendlich müssen für den wirklichen Genuss des Films fast schon zu viele Kompromisse eingegangen werden, da sich wirklich alles andere unterordnet. Der Mangel an innerer Logik (Warum scheinen Kirie und Shuichi „immun“ zu sein? Warum nehmen Außenstehende die Lage in Korouzu verhältnismäßig gefasst auf – eine Reporterin beschwert sich gar darüber, dass sie schon wieder über so eine langweilige Story berichten muss… Kultur- und Metalitätsunterschiede zwischen Europa und Japan hin oder her; ein bisschen mehr Beunruhigung würde ich schon erwarten, wenn Schneckenmenschen sich an einer Hauswand hochschleimen) hätte locker umgangen werden können, der Spannungsbogen verlässt sich mangels einer wirklichen Handlung manchmal etwas zu sehr auf die gezeigten Bilder (meistens haut’s hin, da das Timing der „Eskalationsschritte“ und des eingestreuten, solide umgesetzten Gores passt, aber eben nicht immer, sodass Uzumaki durchaus seine Längen hat). Sämtliche Charaktere sind nur oberflächlich ausgestaltet – ihr persönliches Schicksal, insbesondere auch das von Kirie und Shuichi, bleibt für den Zuschauer dadurch zu irrelevant. Ob die teilweise üblen schauspielerischen Leistungen auf die fehlende Charakterzeichnung oder wirklich auf das Unvermögen der Darsteller zurückzuführen ist, kann ich nicht abschließend beurteilen – gerade Fhi Fan als Shuichi ist so auffällig hölzern und emotionslos, dass es eigentlich geradezu Absicht sein muss. Das chronische Overacting einiger Beteiligter insbesondere zu Beginn des Films nervt ebenfalls – immerhin erfüllt es (wenn auch auf wenig subtile Weise) den Zweck, den nur im ersten Abschnitt vorhandenen Humor etwas zu unterstreichen und somit den Kontrast zwischen der anfänglichen Unbeschwertheit und dem darauffolgenden Albtraum zu verstärken.

Fazit

Uzumaki ist ein surrealistischer Film, der mit einer skurillen Handlung und einer durch den Einsatz vielfältiger, vor allem visueller Stilmittel erschaffenen großartigen Atmosphäre zu gefallen weiß, sich aber für meinen Geschmack etwas zu sehr auf diese beiden Punkte fokussiert. Um den Lynch-Vergleich erneut aufzugreifen: Dessen Werk ist teilweise sicherlich noch abstruser und surrealer, aber dort funktioniert das halt auch ohne dass herkömmliche Qualitätsmerkmale eines guten Films auf der Strecke bleiben. Den ganz konsequenten Weg in Richtung des härteren, surrealistischen Kunstfilms (als Beispiel sei mal Subconscious Cruelty genannt) geht Uzumaki aber auch nicht; das hätte dann vielleicht schon eher funktioniert (und dafür hätte sich der episodenhafte Charakter des Mangas wiederum angeboten). Wie auch immer, für Freunde des unheimlichen Mindfucks mit übernatürlicher Schlagseite ist der Film empfehlenswert und – wenn man mit der richtigen Erwartungshaltung herangeht – eine interessante, durchaus einzigartige Erfahrung. Um das meiner Meinung nach verschenkte Potenzial ist es aber schade.

7/10

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