Mondo Cannibale

Originaltitel: Il paese del sesso selvaggio
Alternativtitel (Auswahl): Man From Deep River
Deep River Savages
Mondo Cannibale Massacre
The Last Survivor
Genre(s): Abenteuer, Splatter, Drama
Regisseur: Umberto Lenzi
Produktionsland/-jahr: Italien 1972
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Anfang der 1970er Jahre beschlossen ein paar Filmschaffende in Italien, das sensationsgierige Interesse an den „schockierenden“ Riten, Ernährungsgewohnheiten etc. exotischer Kulturen, das zuvor schon zur Popularität der höchst fragwürdigen Pseudo-Dokumentationen des Mondo-Genres beigetragen hatte, auch für Unterhaltungsfilme mit einer „richtigen“ Handlung zu nutzen – der Kannibalenfilm als Subgenre der allseits beliebten Exploitation war geboren. Mondo Cannibale von Umberto Lenzi (im Original Il paese del sesso selvaggio – „Das Land des wilden Sex“… oh Mann) ist heute zwar nicht gerade der bekannteste Vertreter seiner Gattung (diese zweifelhafte Ehre dürfte sicherlich Cannibal Holocaust zuteil werden), aber immerhin der, mit dem der ganze Spaß angefangen hat, hat also durchaus einen nicht unbedeutenden Platz in der Filmgeschichte.

Story

Der Bildjournalist Lee Bradley (so wird er zumindest in der Einleitung der deutschen Version genannt, im Film selbst heißt er dann plötzlich wahlweise John oder Duane. Die Berufsbezeichnung bezieht sich übrigens natürlich nicht auf das böse Blatt mit den großen Buchstaben; der Kerl ist halt Fotograf) hat den Auftrag, unerforschte Gebiete an der Grenze zwischen Thailand und Burma (alias Myanmar, wo ein solcher Auftrag heute wohl nicht ungefährlicher sein dürfte als vor 40 Jahren) zu dokumentieren. So tut er wie ihm geheißen ward, was auch ganz problemlos abzulaufen scheint. Eines Abends amüsiert er sich beim Thai-Boxen; seine weibliche Begleitung ist davon jedoch weniger angetan und lässt ihn sitzen. Wie es sich nunmal gehört, verarbeitet John (ich bleib jetzt mal bei dem Namen) dies in einer Kneipe bei einem billigen Whisky, bzw. einer ganzen Menge davon. Schon ordentlich dem bösen Geist Alkohol verfallen, rempelt er versehentlich einen Einheimischen an; dieser zückt trotz sofortiger Entschuldigung ein Messer, das sich bei der folgenden Rangelei aber in seinen eigenen Bauch bohrt. Angemessen schockiert über das soeben begangene Kapitalverbrechen flüchtet John umgehend in Richtung des Dschungels. Passt aber auch, schließlich wollte er zum Zweck seiner Reportage da eh hin. Bewaffnet mit Kamera und Whisky lässt sich John von einem einheimischen Führer namens Chuan auf einem Boot durch den Urwald schippern. Angesichts der allgemeinen Relaxtheit der Situation und der herrlichen Landschaft macht das wirklich keinen ungeilen Eindruck. Zumindest solange, bis Chuan eines Morgens nicht wie gewohnt auf dem Kahn, sondern mit einem Pfeil im Hals am Rand des Flusses liegt. Heldenhaft springt John in die Fluten um die Leiche zu bergen (oder was auch immer er vorhat; ich will ihm da ja nichts unterstellen, aber der Junge ist nunmal offensichtlich tot, und John weiß bereits von den Gefahren, die ihn beim Landgang erwarten würden), übersieht dabei allerdings die „unauffällig“ am Ufer lauernden ca. 10 Eingeborenen und wird prompt mit einem Netz gefangengenommen.

Nachdem er zunächst Zeuge einer Zungenamputation als Bestrafung zweier Verbrecher oder Stammesfeinde wird, beginnt für John eine Zeit als Arbeitssklave der Eingeborenen. Zwar scheint sich mehrmals die Gelegenheit zur Flucht zu bieten – mit der Unterstütztung einer älteren Frau, die als Missionarstochter einst ebenfalls vom Stamm beschlagnahmt wurde, englisch spricht und somit Johns einzige Kommunikationspartnerin darstellt -, doch von Erfolg ist dies nicht gekrönt. Aussicht auf Besserung gibt’s dennoch: Langsam aber sicher kann er sich den Respekt der Gastgeber erarbeiten, und da ist ja auch noch die Häuptlingstochter Maraya, die demnächst verheiratet werden soll und ein Auge auf den blonden Exoten geworfen hat (also jetzt nicht wortwörtlich, das muss man bei dieser Art von Film ja dazusagen)…

Bewertung

Nun, überraschend finde ich ja vor allem, dass dieser Urvater der Kannibalenfilme irgendwie kein Kannibalenfilm ist. Ganz außen vor bleibt das Thema zwar nicht, aber der Stamm, in dem John sich wiederfindet, ist verhältnismäßig friedlich und zivilisiert; zumindest im Vergleich zu der Art, wie die Eingeborenen z. B. in den eingeweidegefüllten Genrevertretern von Ruggero Deodato dargestellt werden. Abstoßend sind dann schon eher die unsäglichen Tiersnuffszenen (teilweise erledigen die Viecher es auch ohne direkte Mithilfe, im Dorf wird sich nämlich gerne mal die Zeit bei Hahnenkäpfen und Ähnlichem vertrieben) und der ganz selten eingesetzte sonstige Splatter – insgesamt ist das aus heutiger Sicht aber enttäuschend harmlos. Ja, das klingt natürlich mal wieder blutrünstig, aber es wäre auch scheinheilig zu behaupten, dass diese Art Film damals etwas anderes als niedere Gewaltgelüste und Voyeurismus befriedigen sollte (daher auch meine Kategorisierung als „Splatter“ – ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Gorehound der frühen 70er sich Mondo Cannibale für seine an einer verstümmelten Hand abzählbaren härteren Szenen ansah und damit auch ganz zufrieden war). Effekte dieser Art sieht man aber heute nunmal in jedem zweiten FSK-16-Film, das hat ebenso seine Wirkung verloren wie die plakativ wirkenden Begattungsrituale (mit ein paar knapp als Softcore zu bezeichnenden Szenen musste der italienische Originaltitel ja gerechtfertigt werden). Die Tiertötungen sind nach wie vor heftig, aber das sehe ich eh grundsätzlich ungern als Qualitätsmerkmal an.

Finden wir uns also damit ab, dass Mondo Cannibale eher ein „härterer Abenteuerfilm“ ist. Dabei passiert insgesamt zwar nicht viel, was die Handlung irgendwie vorantreiben würde, und die Story könnte ohnehin kaum vorhersehbarer sein, aber die dokumentarische Schilderung des Dorflebens ist wenigstens relativ kurzweilig umgesetzt (über den dokumentarischen Charakter, der in diesem Genre oft be- und meistens überansprucht wurde, lässt sich streiten, aber im Verhältnis zu vergleichbaren Filmen ist er schon sehr ausgeprägt). Die Darstellungen diverser Stammesriten tendieren in einzelnen Fällen etwas zu unnötiger Überlänge, aber im Großen und Ganzen passt das Pacing. Wenn der Plot gegen Ende des Streifens dann doch mal etwas mehr ins Rollen kommen soll, zieht das den Film allerdings weiter herunter, als es womöglich ein weiteres Dahinplätschern der Handlung getan hätte – es gestaltet sich klischeedurchtrieft und mit beachtlich konstruiert wirkenden Plotpoints.

Der nett anzusehende Dschungel zum einen, das Eingeborenendorf an sich zum anderen (zumal hier immerhin ein paar ordentliche Hütten, hafenähnliche Konstruktionen etc. vorhanden sind und nicht wie sonst so oft 3-4 behelfsmäßige Behausungen, denen sofort anzusehen ist, dass die Crew sie 5 Minuten vor Drehbeginn zusammengeschustert hat) kreieren eine recht dichte, definitiv realistisch erscheinende Atmosphäre. Auch die Eingeborenen selbst sind weitestgehend glaubwürdig – hier weiß ich nicht, ob es sich um echte „Wilde“ handelt, aber sie erledigen ihren Job. Eine professionelle (ähem…) und tatsächlich gleich mal weniger glaubhafte Schauspielerin ist es jedenfalls definitiv im Fall von Häuptlingstochter und Love-Interest Maraya – die in England aufgewachsene Me Me Lai gefiel offenbar dennoch so gut in der Rolle, dass sie in den kommenden Jahren abermals die weibliche Hauptrolle in zwei der bekanntesten Kannibalenfilmen übernahm (dass das zweifellos ihre Karrierehöhepunkte waren, sagt einiges aus, aber da sie dann doch sehr niedlich ist und rollenbedingt nicht viel von Kleidung hält, werde ich mich nicht beschweren; da hätte man schlimmere Darstellerinnen finden können). Ebenfalls ein alter Bekannter (also zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber beim Aussterben des Kannibalenfilms war er längst eines der Gesichter des Genres geworden) ist Ivan Rassimov, der als die (abgesehen vom Prolog) einzige westliche Figur John-Duane-Lee-Whatever Bradley den Film mehr oder weniger tragen muss und das ganz vernünftig erledigt; als Sympathieträger funktioniert er (alles andere wäre natürlich auch fatal) und die langsame Wandlung des Charakters nehme ich ihm ab.

Fazit

Als Begründer eines Genres ist Mondo Cannibale filmhistorisch sicher interessant und besitzt mit einer gelungenen Atmosphäre und einem starken Hauptdarsteller eine gute Basis, bietet aber aus heutiger Sicht nicht viel mehr. Für einen Abenteuerfilm oder ein Drama (als solches kann man ihn durchaus verstehen) ist die Handlung zu dünn und teilweise zu sehr an den Haaren herbeigezogen; für einen Schocker wie es beispielsweise Cannibal Holocaust oder Lenzis eigener Cannibal Ferox werden sollten fehlen die kontroversen Szenen (vom Tiersnuff abgesehen, der da aber auch ausgiebiger zelebriert wurde – wie gesagt sehe ich das aber keinesfalls als Kritikpunkt). Insgesamt also nichts Halbes und nichts Ganzes (eher so neun Zwanzigstel) – ein unspektakuläres Filmchen, das niemandem sonderlich weh tut und für Genreinteressierte ohne größere Langeweile konsumierbar ist, aber auch kaum jemanden zu Begeisterungsstürmen hinreißen dürfte.

4.5/10

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