The Human Centipede

Originaltitel: The Human Centipede (First Sequence)
Genre(s): Horror-Thriller
Regisseur: Tom Six
Produktionsland/-jahr: Niederlande 2009
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

 „Ingestion by A, passing through B, to the excretion of C. The human centipede, first sequence.“

Mit schöner Regelmäßigkeit tauchen Filme auf, die durch ihre betonte Brutalität oder Abartigkeit (und gerne auch einer ordentlichen Marketingmaschinerie) kurzzeitig zu enormer Popularität auch außerhalb der Genrefans kommen. In den letzten Jahren entstand so z. B. ein Hype um Saw und Hostel (der war jetzt zwar nicht sooo abartig, aber immerhin abartig schlecht; ist ja auch schonmal was), die dann sogar zu festen Mainstream-Größen inklusive überwiegend überflüssiger Nachfolger wurden. 2010 (bzw. auf diversen Festivals schon 2009) trat dann ein Film hervor, der durch eine einfache, kranke Prämisse umgehend zu zweifelhaftem Ruhm kam. Mir persönlich geht ein derartiger Aufriss ja tendenziell ziemlich auf das Skrotum und nach den ersten Meldungen, dass sich hinter The Human Centipede eigentlich nur ein überaus langweiliger Unterdurchschnittshorrorfilm verbergen sollte, sank er in meiner Priorität rapide ab. Aber nun gut, irgendwann muss man sich dann ja doch seine eigene Meinung bilden, was ich anlässlich des Releases des Sequels (und auf Anraten eines entfernt bekannten Perversen) jetzt mal getan habe.

Story

Jenny und Lindsay – zwei amerikanische Touristinnen auf einem Trip durch Europa – residieren in einem Hotel in Deutschland, brezeln sich gerade für den Abend auf und freuen sich generell des Lebens. Die Euphorie sinkt ein wenig, als ihnen auf der Fahrt zur Party ein Reifen platzt und sie aus Geschlechtsgründen keine Ahnung haben, wie man einen solchen wechselt. Leider ist der einzige weitere Verkehrsteilnehmer weit und breit weniger an Pannenhilfe, als vielmehr daran interessiert, ob die beiden angemessen feucht sind, und auch ihre Handys haben keinen Empfang (beides, wie wir alle wissen, natürlich völlig typisch für die Rhein-Ruhr-Gegend, in der sie sich angesichts der Autokennzeichen aufzuhalten scheinen). Alas, es bleibt nur ein Fußmarsch übrig. Der endet prompt in einem dichten Wald, kräftig zu regnen hat’s indes auch angefangen – alles nicht so das Wahre, doch glücklicherweise scheinen bald die Lichter eines naheliegenden Hauses durch die Bäume. Der Bewohner desselben ist auch so freundlich, die Mädels einzulassen, ihnen ein Wasser zu spendieren und den Pannenservice anzurufen. Dass er dem Wasser Rohypnol beimengt und den vorgeblichen Anruf zwar für Lindsay und Jenny hörbar, aber ohne Telefon durchführt, ist dann schon etwas weniger freundlich, was die beiden recht schnell auch so sehen.

Nachdem die jungen Frauen an Krankenhausbetten gefesselt wieder zu sich kommen, stellt sich der Gastgeber erstmal vor: Dr. Josef Heiter war Chirurg, spezialisiert auf die Trennung von siamesischen Zwillingen und dafür weltweit renommiert, ist aber inzwischen im Ruhestand und interessiert sich nun hobbymäßig eher für das Gegenteil seiner vorherigen Tätigkeit. Seine Rottweiler hat er einst zu einem „Dreihund“ zusammengenäht und obwohl die bellende Kreation nicht allzu lange überlebte, ist er zuversichtlich, ähnliches erfolgreich mit Menschen durchführen zu können. Lindsay, Jenny und der etwas später zur Party stoßende Japaner Katsuro haben also die Ehre, den ersten „menschlichen Hundertfüßer“ zu bilden, wofür sie grob gesagt am Mund und Anus verbunden werden, sich somit einen Verdauungstrakt teilen (mit allen nicht ganz so erstrebenswerten Konsequenzen, die das für Teilnehmer 2 und 3 mit sich bringt) und sich durch Ruptur der Patellasehne nur noch auf Knien fortbewegen können. Ein gescheiterter Fluchtversuch verschafft Lindsay als Bestrafung die Gelegenheit, dieses Experiment aus der Mitte mitzuerleben. Der Doktor macht sich also ans Werk und ehe man sich versieht, sind die Probanden verbunden, in guten wie in bösen Tagen, bis dass der Tod sie scheide…

Bewertung

Durch den nervigen Hype und teils desaströse Kritiken bin ich wie gesagt ziemlich voreingenommen an The Human Centipede herangegangen. Ich wollte den Film nicht mögen, eher im Gegenteil. Das ist leider nicht so recht gelungen.

Wenn der namensgebende Hundertfüßer erstmal fertiggestellt ist, was etwa zur Hälfte des Films geschieht, hätte eigentlich nicht mehr viel Potenzial für einen brauchbaren Streifen vorhanden sein sollen – ein paar Ekelszenen sicherlich, vielleicht ein abschließendes Gemetzel, aber drei nahezu bewegungs- und kommunikationsunfähige Leute eine Dreiviertelstunde herumkriechen zu sehen, klang nicht übermäßig interessant. In der tatsächlichen Umsetzung sieht das weitestgehend anders, nämlich besser aus. Alles, was auf die Operation hinarbeitet, ist meines Erachtens zunächst durchaus spannende Standard-Horrorkost (nicht übermäßig originell, teilweise klischeehaft, aber absolut solide) – insbesondere Lindsays Flucht weiß zu gefallen, obwohl vermutlich eh jeder, der sich diesen Film antut, vorher weiß, wie sie ausgehen wird. Zugegeben, von gewissen Längen bleibt die zweite Hälfte dann tatsächlich nicht verschont, aber die halten sich in Grenzen, da der Plot relativ kompakt erzählt wird – gar nicht mal so lange nach der Operation steuert man auch schon auf das alles in allem befriedigende, wenn auch nicht vollkommen glaubwürdige Finale zu. Wenn die Handlung mal nicht vorangetrieben wird, bekommt der Zuschauer Gelegenheit, die mit Worten wirklich kaum zu beschreibene Situation der Protagonisten auszukosten (also eben den Horror zu genießen… irgendwie klingt jede positive Bemerkung zu diesem Film zwangsweise pervers) – das funktioniert zwar nicht durchgehend 25 Minuten lang, aber schlecht ist das Pacing insgesamt keineswegs.

Bei einem überzeichneten Horrorfilm, wie er bei dieser Grundidee schon zu erwarten wäre, würde ich kaum auf die Idee kommen, die Nachvollziehbarkeit des Plots großartig zu kritisieren. Doch siehe da; es wirkt kaum überzeichnet und ist weitestgehend glaubwürdig (am Ende lässt’s dann wie erwähnt nach), und dafür sind hauptsächlich der zentrale Charakter des Dr. Heiter und sein Darsteller verantwortlich. Dieter Laser – in seiner langen Karriere zuvor nicht durch bemerkenswerte Hauptrollen in Erscheinung getreten – brilliert als leicht unheimlicher und mürrischer Einsiedler, als hochtrabender Ex-Chirurg mit Gotteskomplex, als unverblümt sadistischer Psychopath; wie er den düsteren Doktor in all seinen Facetten mimt, ist zu jeder Zeit beeindruckend. Er sorgt von Beginn an durch sein Auftreten für eine bedrohliche Stimmung (wobei die Ausstattung und Ausleuchtung der Villa, sowie in den suspense-trächtigeren Szenen die Kameraarbeit ihr Übriges leisten) und steigert dies soweit, dass es auch aus einer realistischen Perspektive kein Problem mehr ist, ihm sein Werk zuzutrauen, wenn er denn dann mit der Durchführung beginnt. Was genau Heiters Motivation ist, bleibt im Dunkeln – das sehe ich zwar definitiv als Kritikpunkt am Plot, aber durch Lasers Leistung fällt das eigentlich erst im Nachhinein negativ auf und spielt während der Laufzeit fast keine Rolle, weil es unheimlich leicht fällt, es schlicht und einfach hinzunehmen. Vollends überzeugend; ganz groß. Dass sie anderen Darsteller in seinem Schatten stehen, versteht sich von selbst, doch sehr viel zu tun haben sie ja ohnehin nicht. Ashley Williams und Ashlynn Yennie bekamen nicht mal so etwas wie einen Charakter spendiert (hier hätte gerne etwas mehr Sympathie aufgebaut werden dürfen, wenngleich man mit den Opfern aufgrund der derart extremen Situation ganz automatisch mitfühlt; insofern ist es fast schon wieder egal) und verbringen weite Teile des Films mit durch einen After gedämpften Schrei- und Heulereien. Da kann man weder viel verkehrt machen, noch sich sonderlich auszeichnen. Akihiro Kitamura als Katsuro bringt für meinen Geschmack zu viel des typischen japanischen Pathos hinein (insbesondere am Ende, da ist es aber auf jeden Fall ein Problem des Drehbuchs). Es ist zweifelsohne interessant, dass der einzige nicht deutsch- oder englischsprachige Charakter (Heiter spricht zumeist Englisch und verfällt bei Wutausbrüchen ins Deutsche, was wiederum von den Mädels nicht verstanden wird; mich würde ja glatt interessieren, wie katastrophal das alles in einer synchronisierten Fassung wirkt, sollte es sie jemals geben.*) an die Front der Konstruktion gesetzt wird und somit überhaupt keine verbale Kommunikation mehr stattfindet. Als Identifikationsfigur und/oder Sympathieträger taugt er aber eher nicht, was neben der Sprachbarriere an der einseitigen, uncharismatischen Spielweise Kitamuras liegen mag. Die zum Ende hinzustoßenden Darsteller fallen als einzige wirklich negativ auf und bieten ein beachtlich emotionsloses, stocksteifes Schauspiel. Einer von ihnen ist fast schon durchsichtig, so blass bleibt er.

* Nachtrag 2016: Ich musste feststellen, dass es inzwischen tatsächlich eine deutsche Fassung gibt. Es wurde ein überflüssiger und falsch übersetzter Untertitel spendiert („Der menschliche Tausendfüßler“) und selbstverständlich wurden die Dialoge einfach übersetzt, sodass die Sprachbarriere zwischen Heiter und den Mädels überhaupt keinen Sinn mehr ergibt. Ich kann nur empfehlen, die Finger davon zu lassen und wenn nötig lieber auf Untertitel zurückzugreifen.

Kommen wir nochmal zum Horror an sich. The Human Centipede ist kein visuell ekelhafter Film; es wird während der Operation ein wenig geschmoddert, aber aus solcherlei Szenen bezieht er seine Wirkung nicht. Es ist eher die psychische Komponente, die den Film zu einem wahrhaft heftigen machen: Die Vorstellung des Ergebnisses im Vorfeld der Operation ist schon hart; jeglicher Versuch des Hineinversetzens in die Situation der Protagonisten – insbesondere natürlich Lindsay und Jenny – ist unweigerlich belastend, so abartig konsequent ist diese Abkehr vom gewohnten menschlichen Dasein. Die Demütigungen durch Dr. Heiter wären gar nicht nötig, explizite Effekte sind es ohnehin nicht, das ist so schon grausam genug und in dieser Form nahezu unvergleichlich. Es gab da mal einen Film namens Johnny Got His Gun, in dem der Protagonist sämtliche Gliedmaßen und den größten Teil seiner Sinneswahrnehmung im Krieg zurückließ (evtl. bekannt aus den Lyrics und dem Video zu Metallicas „One“) und anschließend ohne jegliche Wahrnehmung seiner Umwelt dahinvegetierte – das akzeptiere ich als noch elendere Situation, aber sonst kommt da nicht viel heran. Irgendwann „gewöhnt“ man sich sicherlich daran, aber bis dahin ist es höchst effektiv. Dankenswerterweise wird die Intensität nicht durch Humoreinlagen aufgeweicht (der von mir zu diesem Zeitpunkt noch ungesehene zweite Teil ist ja offenbar mit schwärzestem Humor durchzogen; kann sicherlich seinen Reiz haben, aber hier hätte es auch in geringem Ausmaß nicht reingepasst).

Mehr kann man aus der hinlänglich bekannten und beworbenen Prämisse wohl kaum machen, ohne in Splattereien oder sonstige expliziten Abartigkeiten zu verfallen (hm, das klingt jetzt so, als ob dieser Ansatz per se schlecht wäre). Dabei ist die Grundidee eigentlich gar nicht mal umwerfend neu – klar, dass die Herrschaften exakt so kombiniert werden, wie es nunmal geschieht, ist ein einzigartiger wie krasser Einfall, aber so ganz weit ist das vom alten Frankenstein-Thema ja nicht entfernt. Nichtsdestotrotz kann man gerade bei diesem Grad an Realismus (ob das alles wie von Regisseur Tom Six angepriesen „100% medizinisch korrekt“ ist, sei mal dahingestellt) schon von einer Innovation sprechen, die letzten Endes nicht den alleinigen Reizfaktor eines kranken Films, sondern die Basis für rundum überdurchschnittlichen Horror darstellt.

Fazit

The Human Centipede ist ähnlich schwer verdaulich wie die Nahrung der hinteren Glieder des Hundertfüßers (öhm, sorry) und verlangt dem Zuschauer einiges ab, ohne ansatzweise so plakativ zu sein, wie ich es vermutet habe. Mit einer beängstigenden Atmosphäre, selten abflachender Spannung und einem phänomenalen Hauptdarsteller ergibt sich hier einer der härteren, aber eben auch besseren Horrorfilme der letzten Jahre. Die Story hat speziell zum Ende ihre Unzulänglichkeiten, die Opfer an sich sind durch schwache Charakterzeichnung nicht so unegal wie sie sein sollten und ob ihre Darsteller neben einem Schwächeren als Dieter Laser so viel besser aussehen würden, darf auch bezweifelt werden. Perfekt ist der Streifen somit natürlich nicht, aber doch um einiges besser als erwartet; wer angesichts der Prämisse nicht sofort Brechreiz bekommt und hier keinen unsubtilen visuellen Schocker erwartet, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren.

7/10

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2 Kommentare zu The Human Centipede

  1. Erik sagt:

    Eine kleine Erwähung dafür, dass ich dich auf den Film gebracht habe wäre ja wohl drin gewesen oder was? ^^

    Aber im Ernst: Im letzten Bild deines Reviews, sieht man ja die Narben des einen Opfers. Und ich dachte schon immer, dass diese ungewöhnlich weit hoch gehen (bis zu den Schläfen). Kannst du das erklären? Ich weigere mich immernoch mir den Film anzuschauen 😉

  2. venomenon sagt:

    Ich hab den ja schon seit geraumer Zeit im Blick gehabt, schien mir nur nicht lohnenswert. Aber ja, du hast den Ausschlag gegeben 😉

    Also, das, was da an die Backe getackert wurde, ist quasi ein aufgeklappter Fleischlappen vom Arsch des frontalen Nachbarn. In der Mitte sind dann halt Lippen/Mundöffnung (weiß jetzt gar nicht genau, ob die Lippen vorher amputiert wurden) mit dem Anus verbunden, aber da das ja auch irgendwie halten muss, wurde das bis so weit nach oben festgemacht. Diese Schilderung ist ekelhafter als das meiste, was man in dem Film zu sehen bekommt 😉

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