The Human Centipede II

Originaltitel: The Human Centipede II (Full Sequence)
Genre(s): Horror, Splatter
Regisseur: Tom Six
Produktionsland/-jahr: Niederlande, UK, USA 2011
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

„Have you seen ‚The Human Centipede‘?“

Der berüchtigte The Human Centipede (First Sequence), der einen angesichts seiner kranken Prämisse überraschend guten, gar nicht mal plakativ-brutalen Horrorfilm abgab, hat nach allem, was man so hört, finanzell ja wirklich nicht gerade überzeugt. Mit dem Sequel hatte Tom Six aber ohnehin schon kurz nach der Fertigstellung begonnen, sodass unabhängig vom Erfolg des ersten Teils The Human Centipede II (Full Sequence) auf die Menschheit losgelassen wurde. Und dieses Mal verbirgt sich dahinter tatsächlich in etwa das, was viele vom Erstling erwartet, manche befürchtet, manche erhofft hatten.

 Story

Martin ist ein kleiner, übergewichtiger Mann fortgeschrittenen Alters (vielleicht in seinen Vierzigern), der mit seiner Mutter in einem kleinen, heruntergekommenen Apartment irgendwo in London lebt. In seiner Kindheit wurde er von seinem Vater missbraucht, was erstens Martins Verhältnis zur Mutter ziemlich trübt (schließlich ist er daran Schuld, dass ihr Gatte, den sie vermisst, nun im Knast sitzt) und ihm selbst einen mittelschweren Schaden verpasst hat – er wirkt geistig zurückgeblieben, spricht nicht (zumindest lässt er uns nicht daran teilhaben) und zeigt masochistische Tendenzen als Folge der traumatischen Erfahrung. Immerhin hat Martin einen Job; er ist Sicherheitsmann in einer Tiefgarage. Das Herumsitzen in seiner Kabine mit Blick auf die Überwachungsmonitore ist geistig nun nicht allzu anspruchsvoll, vor allem aber verdammt langweilig, sodass Martin sich während seiner Schicht gerne anderweitig beschäftigt – auf seinem Laptop läuft ein Film namens „The Human Centipede“ in Dauerschleife. Es zeigt sich, dass Martin von diesem Streifen, in dem ein psychopathischer Chirurg drei Leute an Mund und Anus zusammennäht (was für abartig perverse Menschen kucken sowas?!), überaus besessen ist, gerne auch mal dazu masturbiert und die Idee des „menschlichen Hundertfüßers“ längst zu seinem eigenen Lebensziel auserkoren hat – allerdings sollten es schon wenigstens zwölf Menschen sein. Eine glückliche Fügung also, dass es in seiner Tiefgarage nicht so sehr auffällt, wenn hier und da mal jemand verloren geht (sprich: von Martin in eine „angemietete“ Lagerhalle verschleppt wird). Um seine geplante Kreation zu perfektionieren, braucht Martin aber noch einen Stargast, dem seine besondere Leidenschaft gilt: Ashlynn Yennie – Darstellerin der Jenny in Tom Six‘ Film – soll es sein und muss irgendwie nach London gelockt werden…

Bewertung

Ja, doch, mit dem Sprung auf eine metafiktionale Ebene legt Six hier gleich sehr ansprechend los. Ohne diesen Kniff hätte ein Sequel aber ohnehin kaum Sinn ergeben; das Ende von First Sequence (das wir zu Beginn des Films auf Martins Laptop inklusive Abspann nochmal genießen dürfen) lässt da ja nicht so viel Spielraum zu. Mit der Einführung eines Charakters, der von der Grundidee des ersten Teils völlig besessen ist und diese in der „Realität“ umsetzen will, wird der Grundstein dafür gelegt, mit dem Nachfolger dieselbe Prämisse in einer völlig anderen Richtung zu verarbeiten.

An die Stelle der zwar auch durchweg düsteren, aber fast schon sterilen Atmosphäre des Vorgängers tritt hier von Beginn an Dreck und Ekel, wovon der verschwitzte, unästhetische Hauptcharakter schon in der ersten Einstellung zeugt. In dunklen Schwarz-Weiß-Bildern wird eine trostlose Umgebung – sei es die mütterliche Wohnung, die Tiefgarage oder das verregnete London – dargestellt, in die der kranke, vollkommen gebrochene Martin bestens hereinpasst. Sind dann alle Glieder des geplanten Hundertfüßers eingesammelt, bekommen wir das Werk in seinem ganzen Ausmaß zu sehen – Ashlynn Yennie drohte im Vorfeld, dass man in The Human Centipede II „das Blut und die Scheiße“ bekommt, die es im ersten Teil nicht gab, und sie hatte zweifelsohne Recht. Ungefähr ab der Hälfte haben wir es hier dann also mit lupenreinem, zum Teil ausgesprochen hartem Splatter zu tun. Aber – und auch das ist eine komplette Kehrtwende im Vergleich zum ersten Teil – das läuft nicht ohne Humor ab; haufenweise Überzeichnungen führen zwar seltenst zum lauthalsen Auflachen, aber lockern die harte Grundstimmung zum Teil gehörig auf. Klar, ein ausgeprägter schwarzer bis kranker Humor ist eine Voraussetzung, aber wenn Martin sich mit rostigem Werkzeug an einer exakten Replikation der Operationsmethode von Dr. Heiter versucht, ihm das erste Opfer dabei sofort verblutet und er trotzig stattdessen kurzerhand zum Tacker greift, ist das ebenso witzig wie der unkomplizierte Schlag mit der Eisenstange als bevorzugtes Narkosemittel. Martin selbst, der über die komplette Laufzeit keine einzige Dialogzeile hat, erinnert gelegentlich geradezu an einen „etwas“ krankeren Mr. Bean. Das Problem an der ganzen Sache: Ein stimmiges Gesamtbild entsteht dabei nicht; der Humor passt schlichtweg nicht zur aufgebauten Atmosphäre und erst recht nicht zu den Splatter- und sonstigen Ekelszenen, die eben nicht – wie es dem Genre oftmals zu eigen ist – slapstickartig überzogen, sondern kompromisslos brutal und realistisch umgesetzt sind.

Davon abgesehen ist The Human Centipede II sogar etwas zu unspektakulär. Der eigentliche Spaß beginnt wie gesagt etwas nach der Hälfte der Laufzeit, zu Beginn werden Hauptcharakter und Grundatmosphäre gekonnt etabliert, aber dazwischen passiert nicht allzu viel; Martin sammelt sich ein paar Leute für sein Vorhaben, doch das läuft stets auf identische Weise ab und die Opfer sind allesamt völlig egale Wegwerfcharaktere, bei denen eine Ausgestaltung manchmal halbherzig, meistens jedoch gar nicht stattfindet. Das zieht sich ziemlich; im Gegensatz zur vergleichbaren Phase des Vorgängers wird hier keinerlei Spannung aufgebaut. Interessant wird’s nur kurzzeitig, wenn Ashlynn Yennie dazustößt (dass Martin off-screen ihren Agenten offenbar problemlos davon überzeugt hat, dass sie zu einem Vorsprechen bei Quentin Tarantino eingeladen sei, nehme ich mal als Beispiel für den Humor des Films), aber auch ihre Rolle ist letztendlich enttäuschend. Ganz anders sieht es mit Martin aus: Klischeehaft überzeichnet, aber dennoch wunderbar zur Story passend ist sein Charakter mitsamt seiner sich vielseitig äußernden und durch eine exzellente Mimik des debütierenden Darstellers Laurence R. Harvey herübergebrachten Gestörtheit. Noch mehr als in Teil 1 ist die Handlung auf die Hauptfigur zentriert (interessanterweise ist Martin – und nicht etwa die Opfer, selbst Ashlynn nicht – der Einzige, der ein wenig Mitgefühl erzeugt, wobei sich das dann natürlich auch spätestens dann erledigt, wenn er mit der „Operation“ loslegt) und dass der Film in seinen drögeren Phasen nicht vollends vor die Hunde geht, ist hauptsächlich Harveys Verdienst. Ihre Charaktere könnten entgegengesetzter kaum sein, aber ähnlich wie Dieter Laser im Vorgänger trägt er den Streifen und wertet ihn stark auf.

So wirklich überzeugt das alles trotzdem nicht. Die Herangehensweise kann man so bringen, keine Frage, aber speziell unter dem Eindruck der Qualität des ersten Teils fällt schon auf, dass dieser vielleicht sogar naheliegendere Weg, die Prämisse umzusetzen, der schlechtere ist. Anders wäre es eventuell gewesen, wenn die ganze „Hundertfüßer“-Sache hier neu wäre – der enorme Krankheitsgrad dieser Idee als zusätzlicher Faktor hätte den ohnehin heftigen Film noch intensiver machen können, aber nach First Sequence ist der Sensationseffekt einfach nicht mehr wirksam, und ob da nun drei oder zwölf Leute zusammengetackert werden, macht auch keinen sonderlichen Unterschied. Insofern kann man durchaus den Sinn des Sequels hinterfragen – konnte sich Tom Six nicht für eine Art der Umsetzung entscheiden und realisierte sicherheitshalber beide? Hat er die Reaktionen derer, die ein gorelastiges Werk erwarteten und daher vom ersten Teil enttäuscht waren, vorhergesehen (sicherlich korrekt, von der Sorte dürfte es nicht wenige gegeben haben) und ist sogleich zur Besänftigung übergegangen (einhergehend natürlich mit der frühen Ankündigung, dass der in Arbeit befindliche Nachfolger den Erstling wie „My Little Pony“ aussehen lassen würde – eine ähnliche Aussage gibt es übrigens längst in Bezug auf den kommenden dritten und letzten Teil Final Sequence)? Wobei es ja auch Hinweise darauf gibt, dass ihm diese Einstellung eigentlich eher zuwider ist; zumindest lässt sich das Benetzen der Kamera mit, nun ja, Diarrhoe gegen Ende des Films durchaus dahingehend interpretieren. Was auch immer die Intention war – wirklich unüberflüssig wäre das höchstens als erster (und einziger?) Teil gewesen.

Fazit

Eine geschickt konstruierte Ausgangssituation mit einem interessant gestörten, hervorragend dargestellten Hauptcharakter, einer dichten Atmosphäre, die auch dem gelungenen dreckigen visuellen Stil zu verdanken ist, sowie rein handwerklich einwandfrei umgesetzten harten Gewaltszenen – das ist an sich nicht übel.  Dem gegenüber steht ein nichts als selbstzeckhaftes, plakativ-hohes und gleichzeitig in seiner realistischen Härte nicht zum eingestreuten Humor passendes Gewalt- und Ekelmaß mit komplett austauschbaren Opfern; auch an Längen mangelt es nicht. An sich ein durchschnittlicher Horror-/Splatterfilm, der aber nicht isoliert von Teil 1 betrachtet werden kann (wie auch, schließlich stellt das die Basis seiner kompletten Handlung dar) und dem Vergleich nicht standhält. Wenn ein direkter Vorgänger demonstriert hat, dass man die Grundidee ein gutes Stück besser umsetzen kann, tut das dem Sequel von vornherein nicht gut – meines erachtens ist es trotz grundsätzlicher Brauchbarkeit schon gefährlich nahe an der Überflüssigkeit. Bei Interesse an der Prämisse (die ich immer noch hochinteressant finde) macht man jedenfalls nicht so viel verkehrt, wenn man es bei First Sequence belässt.

4/10

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