Grotesque

Originaltitel: Gurotesuku
Genre(s): Splatter, Horror
Regisseur: Kōji Shiraishi
Produktionsland/-jahr: Japan 2009
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

„Was für ein hübscher Finger. Stimmt’s?“

Das japanische Kino hat ja einen gewissen Ruf, was selbstzweckhaften Splatter, Folter ohne Hintergrund und Ähnliches aus der fröhlichen Welt des kranken Scheißes angeht. Ob man prinzipiell an so etwas überhaupt ansatzweise Gefallen finden kann, ist wohl eine Grundsatzfrage (bei deren Beantwortung uns durch Zensurbehörden zumeist freundlicherweise Hilfestellung geleistet wird, so auch im vorliegenden Anschauungsobjekt), doch es lässt sich kaum leugnen, dass in diesem Bereich Filme zu finden sind, die zwar vielleicht nicht im herkömmlichen Sinn unterhalten, aber immerhin als Zurschaustellung überzeugender Effekte durchaus einiges taugen. In die Tradition solcher Werke wie der Guinea Pig-Serie reiht sich Grotesque ein; ein nur rund 70-minütiges Filmchen, dessen Drehbuch vermutlich weniger Zeilen umfasste als die Requisitenbestellliste beim örtlichen Werkzeughändler.

Story

Aki und Kazuo sind Arbeitskollegen und haben gerade ihre Liebe füreinander entdeckt. Insofern ist es ja fast ein Glücksfall, dass der Entführer, der sie mit einem Vorschlaghammer attackiert, gleich beide einsackt. Sie finden sich geknebelt und an große, aufrichtbare Metallplatten gefesselt im Hobbykeller des Angreifers wieder. Nach ein paar Demütigungen vorwiedend sexueller Natur und der ersten Entfernung überflüssiger Gliedmaßen (in Japan benutzt man übrigens Makita statt Stihl – gut zu wissen) eröffnet er seinen Gästen sein Vorhaben: Er gedenkt, Kazuo hier etwas abzuschneiden, dort etwas reinzupieken, kurz gesagt also recht bestialisch zu foltern. Kazuo kann jederzeit aufgeben, dann jedoch würde das Spielchen mit Aki weitergehen (welche die Action selbstverständlich beobachten darf). Heldenhaft übersteht Kazou die Tortur und tatsächlich zeigt sich der namenlose Folterknecht beeindruckt, bzw. erregt und beschließt, die beiden nicht zu töten, wie er es ursprünglich angekündigt hatte. Mehr noch: Er – nach eigener Aussage ein Arzt – beginnt, sie zu pflegen und kündigt an, sie in die Freiheit zu entlassen und sich zu stellen, sobald sie wieder halbwegs fit sind…

Bewertung

So, wir haben also zwei Opfer, deren einzige Charakterisierung in der kurzen Schilderung ihrer zögerlichen Liebesbekundung besteht, sowie einen Psychopathen, über den man erst in einem Plot-Twist (wenn man das so nennen möchte) am Ende etwas erfährt (und als nachvollziehbare Motivation für seine Taten geht das auch nicht wirklich durch), der aber wenigstens ein Bisschen – ein überaus kleines Bisschen, aber besser als nichts – mehr Persönlichkeit besitzt. Damit hat Grotesque zwar immerhin schonmal mehr Hintergrund als seine meiner Meinung nach offensichtlichen Vorbilder Devil’s Experiment und The Flowers of Flesh and Blood (die ersten beiden Teile der Guinea Pig-Reihe), aber lachhaft ist das natürlich trotzdem; zudem ist der rudimentär vorhandene Handlungsverlauf (also primär das Abbrechen der Folter und alles, was danach kommt, an dieser Stelle aber zu spoilerbehaftet wäre) schlichtweg billig. Man könnte argumentieren, dass ein Splatter-Showcase keine ausgefeilten Charaktere und schon gar keinen wirklichen Plot braucht, doch erstens wäre es zweifellos wirkungsvoller, wenn man zumindest den Ansatz eines Grunds hätte, mit ihnen mitzufühlen (also darüber hinausgehend, dass das, was da so mit ihnen angestellt wird, grundsätzlich eher wenigen Menschen zu gönnen ist), und zweitens ist der Film eigentlich auch nicht die heftige Splatterorgie, als die er angepriesen wird.

Klar, es wird sehr früh eine klare und deutliche kettensägenunterstützte Ansage gemacht und manch eine Foltermethode tut schon beim Gedanken daran weh, aber das sind lediglich verhältnismäßig seltene Ausbrüche. Ein nicht geringer Teil der Zeit wird eh mit halbherziger Fortführung der flachen Handlung und der, öhm, manuellen Stimulation der beiden Gefangenen (ist ja schön, um den Metzelmeister als sadistischen Psychopathen zu etablieren und die völlige Ausgeliefertheit der Opfer zu demonstrieren, aber doch bitte nicht so lange) verschwendet, zudem pflegt der Folterknecht, vor seinen Aktionen stets eine ausführliche Beschreibung des folgenden Schabernacks zu liefern – an und für sich passt das zu seiner Art und steigert die Vorfreude (hm, eigentlich sollte sich das jetzt nicht so krank anhören, wie es gemeint ist. Naja, was soll’s.), zieht sich aber auf Dauer auch etwas. Wenn es dann schließlich doch zur Sache geht, wissen die expliziteren Szenen zu begeistern – das sieht einwandfrei realistisch und gut ekelhaft aus – und auch die nur angedeuteten Einlagen sind durch brauchbare Schnitte und Kameraeinstellungen ansehlich. Letztere sind – und hier entspricht Grotesque eben nicht seinem Marketing und seinem Ruf – in der Überzahl; manches bekommen wir auch überhaupt nicht selbst zu sehen. Hart ist es natürlich trotzdem – wie gesagt reicht manchmal allein die Vorstellung -, nur der Anteil des Splatters ist insgesamt verglichen mit dem der Belanglosigkeiten zu niedrig. Das wäre allerdings bei einer längeren Laufzeit schlimmer; der Film ist zwar nicht unbedingt spektakulär kurzweilig, aber abgesehen von zwei richtig lahmen, langen Sequenzen, von denen auch nur eine wenigstens ansatzweise einen wirklichen Sinn hat, sind die Längen zwar vorhanden, aber nicht einschläfernd.

Ermüdend hingegen ist das elende Gewackel der Kamera. Einige Einstellungen sind wie gesagt ordentlich, doch die hätte jemand ohne Parkinson vermutlich auch hinbekommen. Wirklich, es nervt enorm, da kann das theoretisch noch so sehr zu den dargestellten drastischen Szenen passen (wobei auch in ruhigeren Sequenzen fröhlich mit der Kamera geschwungen wird). Auch davon abgesehen ist eine gewisse allgemeine Amateurhaftigkeit zu spüren. Ich bin mir nicht sicher, wie entschuldbar das eigentlich ist – es wird in Bezug auf Grotesque zwar öfter von einem Low-Budget-Film gesprochen, aber das fällt eigentlich nicht auf; die Beteiligten sind allerdings bis auf Regisseur Kōji Shiraishi (dessen 2005er Output Noroi sein bekanntester sein dürfte und sogar überaus gut sein könnte, wenn er sein Potential nutzen und sich nicht selbst im Weg stehen würde…) eher unerfahren. Hiroaki Kawasutre (Kazuo) und seine Mitgefolterte Tsugumi Nagasawa (die sonst allem Anschein nach nicht nur in Horror-/Splatter-Nebenrollen, sondern auch in Pornos zu sehen ist) ziehen die Phasen, in denen sie nicht schreiend oder schockiert der Peinigung beiwohnen jedenfalls noch weiter herunter. Chefsadist Shigeo Ōsako trägt ein Pokerface spazieren, das aber zum Charakter passt und die kurzen Anflüge von Emotionen bedeutsamer werden lässt; er gefällt mir durchaus ganz gut. Ob die dezent humorvolle Note in seinen Ankündigungen schon in der Originalfassung vorhanden war oder durch die Synchro entstanden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch hier bin ich der Meinung, dass es den Charakter weiter stärkt; es verleiht dem Ganzen genau wie die über die Anlage des Täters gespielte klassische Musik (mit schön kitschigen Stücken wie „Pomp & Circumstance“) eine groteske Note (höhö, „grotesk“). Komplett ungewollt wird das jedenfalls nicht sein; darauf lässt auch eine Szene im Showdown schließen, die wiederum so absurd übertrieben ist, dass sie das ansonsten interessante (also vor allem in Splatterhinsicht, aber auch Spannung wird hier ausnahmsweise mal aufgebaut) Finale deutlich abwertet.

Fazit

Grotesque ist nicht die Splattergranate, die er zu sein behauptet. Dummerweise ist er aber nicht etwa ein ansonsten ordentlicher Film, der nur ein bisschen zu viel Gore versprochen hat, sondern ein substanzloser Streifen, der eben nicht in ausreichendem Maß durch seine Effekte gerettet wird. Die können sich sehen lassen, sind handwerklich richtig klasse und in den weniger expliziten Momenten auch gut inszeniert, aber für diese Art von Film zu sparsam eingesetzt. Völlig hohle Szenen am Ende, inklusive einer zwar nicht komplett aus der Luft gegriffenen, aber definitiv unbefriedigenden „Auflösung“ hinterlassen einen zusätzlichen ekligen Nachgeschmack. Mehr Splatter oder mehr Sinn und Tiefe wären erforderlich gewesen, so ist das nicht der Rede wert.

 3.5/10

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