Killing Words

Originaltitel: Palabras encadenadas
Alternativtitel: Jogo de palavras
Genre(s): Thriller
Regisseur: Laura Mañá
Produktionsland/-jahr: Spanien, 2003
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Jeder dürfte zumindest eine Variante des Wortkettenspiels kennen. Es kann dabei zum Beispiel die Aufgabe sein, aus der letzten Silbe eines vorgegebenen Wortes ein neues zu bilden, dessen letzte Silbe der Mitspieler erneut für ein neues Wort verwenden muss, und immer so weiter. Wird zu lange gezögert, ein nicht existierendes Wort gebildet oder nicht die korrekte Silbe benutzt, ist das Spiel verloren. Spiele solcher Art werden seit jeher gerne in Internetforen benutzt, um die eigene Postingzahl in die Höhe zu treiben, aber was wäre, wenn das Wortkettenspiel einen nicht völlig sinnentleerten Hintergrund hat; wenn gar ein Leben von Sieg oder Niederlage abhängen würde?

Story

Eine Frau sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Auf einem ihr zugewandten Bildschirm hält ein Mann einen Monolog: Er habe eine normale Kindheit gehabt, normale Eltern, einen normalen Job – alles sei so gewesen, wie es durchschnittlicher kaum sein kann. Und dennoch, so sagt er, habe er kurz vor der Aufnahme dieses Videos eine ältere Frau getötet. Ohne Grund, ohne Reue, doch auch ohne Spaß dabei zu haben, weshalb er in Zukunft auch nicht mehr töten wolle.

Das Video ist ca. 2 Jahre alt und bei dem Mann handelt es sich um einen gewissen Ramón, seines Zeichens Philosophiedozent an einer Universität. Die gefesselte Dame ist seine Ex-Frau Laura. Ramón gibt zu, dass seine Aussagen im Video nicht ganz der Wahrheit entsprechen, denn auf den ersten Mord folgten 17 weitere und Laura wird das nächste Opfer werden. Man könne sich zwar noch eine Weile unterhalten, aber Laura wird unweigerlich sterben. Er schlägt ein Wortkettenspiel vor – gewinnt Laura, würde er sie womöglich doch freilassen, verliert sie das Spiel, verliert sie ein Auge. Laura lässt sich auf das Spiel ein und verliert. Es folgen weitere „Wettbewerbe“. Da Laura beruflich Psychologin ist, macht Ramón ihr das Angebot, sie gehen zu lassen, wenn sie eine für ihn plausible Theorie über die Ursache seines Verhaltens hat und ihn durch die Selbsterkenntnis vielleicht sogar heilen könnte. Es entsteht ein Gespräch, in denen auch die Hintergründe der Scheidung der beiden eine Rolle spielen werden.

Dies alles geschieht nicht in der Gegenwart, sondern ist eine Rückblende während Ramón von Kommissar Espinosa und Inspektor Sánchez verhört wird. Seine Ex-Frau sei verschwunden, ihre Wohnung demoliert und der einzige Verdächtige sei nunmal er. Ramóns Leugnen wird zunehmend unglaubwürdiger, da es Hinweise auf häusliche Gewalt in der Vergangenheit gibt, sowie ein ominöses Video vorliegt. Es ist natürlich das Video vom Anfang – Ramón beschreibt seine Lebensumstände und seinen ersten Mord. Die Indizien drohen ihn zu erdrücken, sodass er beschließt, die gesamte Geschichte zu erzählen…

Bewertung

Killing Words beginnt wie ein mehr oder weniger handelsüblicher Thriller, in dem ein hilfloses Opfer einem sadistischen Psychopathen ausgeliefert ist und scheint dabei lange gerade durch Ramóns Vorgehen auf eine Variante von Funny Games hinauszulaufen. Das hätte ich angesichts der Qualität des österreichischen Geheimtipps (Anm. des Autors: Dieses Review erschien ursprünglich 2005; ich vermute spätestens nach dem US-Remake kann Funny Games nicht mehr unbedingt als Geheimtipp bezeichnet werden) zwar durchaus gutgeheißen, aber Killing Words entwickelt sich dann doch in eine andere Richtung. Überraschend kommt die Erkenntnis, dass das anfänglich Gezeigte bereits längst Vergangenheit ist; Ramóns sadistisches Spiel hat offenbar längst ein Ende gefunden. In seiner Videoaufzeichnung philosophiert er noch darüber, dass ein Film die Realität dahingehend verfälschen würde, dass es keinesfalls immer irgendein Indiz gäbe, welches einen noch so vorsichtigen Mörder letztlich überführen würde – spätestens als er während des Verhörs mit dem Video und einem Foto eines früheren Mordes konfrontiert wird, dürfte sich diese Ansicht erledigt haben.

Es könnte nun den Anschein haben, dass Killing Words zu einem reinen Krimi wird, in dem der Mord an Laura aufgeklärt, sowie Ramóns Beweggründe nach und nach beleuchtet werden. Doch auch dem ist nicht so. Es wäre falsch, das Ende als unvorhersehbar zu bezeichnen, doch der Weg dahin ist von überraschenden Wendungen durchsetzt und an der Schuld Ramóns kommen trotz der zunächst recht eindeutigen Beweislage immer wieder Zweifel auf. Sein „Geständnis“, in welches die Szenen mit Laura mittels ausführlicher Rückblenden immer wieder eingebettet werden, stellt die Ermittler Espinosa und Sánchez vor immer mehr Fragen und treibt insbesondere den von der Schuld völlig überzeugten Inspektor schier zur Verzweiflung. Kaum etwas ist so wie es scheint und Ramón hat offenbar für jedes noch so eindeutige Indiz eine Antwort parat. Seine Glaubwürdigkeit sei dahingestellt, doch da seine Ex-Frau „nur“ verschwunden ist und nicht etwa tot aufgefunden wurde, löst sich die Beweislage mehr und mehr auf.

Die Wendungen des Plots werden überaus geschickt eingesetzt und führen den Zuschauer und auch die Protagonisten immer wieder auf eine falsche Fährte. Zum Schluss erfolgt eine fast hundertprozentige Aufklärung, was ich generell gerne verurteile, aber in diesem Fall absolut befürworte – es ist letztlich trotz Tendenzen in diese Richtung kein lynchesker Mystery-Thriller, der davon profitieren würde, den Zuschauer mit hingeworfenen Indizien zu einer eigenen Interpretation kommen zu lassen. Im Gegenteil; im krimihaften Killing Words ist eine Aufklärung geradezu notwendig, da die Geschichte nahezu ausschließlich aus der Sicht von Ramón geschildert wird und eine selbstständige Interpretation auf Basis des unzuverlässigen Erzählers meines Erachtens nicht befriedigend enden könnte (gut, bei Lynch würde das trotzdem gehen, aber bei Lynch gehen auch Menschen, die sich als Hase kostümiert in der Vorhölle befinden; das kann kein Argument sein). Glücklicherweise ist das Ende alles in allem zufriedenstellend.

Die zunächst als gegenwärtig stattfindend erscheinende Auseinandersetzung zwischen Ramón und seiner Ex-Frau als bereits vergangen zu offenbaren und sie im Rahmen von Rückblenden während des Verhörs fortzuführen war definitiv eine gute Entscheidung. Es bringt den Vorteil mit sich, dass während der knapp 90 Minuten keine nennenswerten Längen auftreten, sondern sich stets auf signifikante Szenen beschränkt werden kann, ohne dass einerseits schleppende Lückenfüller auftreten, andererseits die Story zu sehr wie ein Flickwerk wirkt. Sowohl der Versuch der Ermittler, Ramón endgültig zu überführen, als auch dessen Schilderungen bleiben somit durchgehend spannend, obwohl eigentlich wenig Spektakuläres passiert. Der Film ist überaus ruhig und lebt primär von seiner Story (bzw. der Offenbarung der vergangenen Geschehnisse); actionreiche Verfolgungsjagden oder zwischenzeitliche Gewaltausbrüche brauchen nicht erwartet zu werden (nicht dass das per se schlecht gewesen wäre; der erwähnte Funny Games hat diesen Spagat zum Beispiel sehr gut hinbekommen).

Da praktisch nur vier Charaktere die Handlung tragen (und zwei davon auch nur eingeschränkt), liegt auf den Schauspielern natürlich ein entsprechender Druck. Darío Grandinetti (Hable con ella) hält diesem absolut stand; sein Acting als intelligenter, meistens wohlüberlegt handelnder potenzieller Psychopath ist vollkommen überzeugend. Im Gegensatz dazu empfand ich Eric Bonicatto als Inspektor Sánchez und mit Abstrichen auch Goya Toledo als Laura teilweise etwas unglaubwürdig, wenngleich sie ihre Rollen sicherlich solide erfüllen; leichte Schwächen sind wohl eher in der Charakterzeichnung als in der Darstellung zu suchen. Schauspielerisch gibt es also wenig auszusetzen, wirklich überdurchschnittliche Leistungen bietet allerdings lediglich Grandinetti. Leider stellt der Film weniger ein Psychogramm dar, als man es zunächst unweigerlich vermuten dürfte; die Charaktere (Ramón eingeschlossen) werden hauptsächlich in ihren Grundzügen definiert und bleiben ein wenig zu flach. Die Konzentration liegt eben auf der Story, die zwar die Protagonisten fortlaufend charakterisiert, dies aber für meinen Geschmack ruhig etwas expliziter hätte tun dürfen.

Fazit

Killing Words ist ein angenehm klischeefreier, höchst spannender Thriller, dessen zahlreiche Plot-Twists intelligent eingesetzt wurden und nicht dem puren Selbstzweck, sondern dem Erzählen einer abgeschlossenen Geschichte dienen. Bei näherer Betrachtung lassen sich ein paar Logiklöcher ausmachen, über die jedoch ebenso wie über teilweise schauspielerische Schwächen und die mitunter fast etwas zu ruhige (somit aber zum Handlungsverlauf passende) visuelle und akustische Präsentation hinwegsehen.

8.5/10

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