It Follows

Originaltitel: It Follows
Genre(s): Horror
Regisseur: David Richard Mitchell
Produktionsland/-jahr: USA, 2014
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Paranoia ist schon eine schöne Sache, ähnlich wie die Vorfreude bei angekündigtem Besuch, nur länger anhaltend. Für den Horror ist Paranoia natürlich eines der grundlegendsten Elemente überhaupt: Es spielt keine Rolle, ob Geister, Zombies oder kettensägenschwingende Irre das gegnerische Team anführen; der kleinste gemeinsame Nenner ist stets das Gefühl der Angst, das sich aus dem Bewusstsein oder der Vermutung ergibt, verfolgt zu werden. Im Normalfall ist es allerdings eher eine Momentaufnahme, da es immer eine gewisse Möglichkeit gibt, der Gefahr zu entkommen: Geister sind gerne auf einen Ort beschränkt, Zombies verfolgen eh alles mit genug Fleisch auf den Rippen und zeichnen sich nicht durch eine erhöhte Aufmerksamkeitsspanne aus und Serienkiller können sich auch selten die ganze Zeit der Verfolgung widmen (müssen schließlich auch mal aufs Klo oder ins Bett und sind zudem meistens auf physische oder auch psychische Weise verwundbar). Den nächsten Schritt zu gehen und einen wie auch immer gearteten Verfolger in aller Konsequenz als unaufhaltsam und jederzeit einzig und allein auf sein Ziel ausgerichtet zu präsentieren liegt eigentlich nahe, wird aber tatsächlich selten bis nie auf eine Weise umgesetzt, wie es It Follows zu tun verspricht.

An dieser Stelle ausnahmsweise eine ganz vorsichtige Spoilerwarnung: Ich kann mir gut vorstellen, dass It Follows am besten funktioniert, wenn man möglichst wenig konkretes über ihn weiß – und sei es nur, weil die Qualität der Grundidee des Films ungesehen schwierig zu vermitteln ist. Wie Regisseur und Drehbuchautor David Richard Mitchell selbst anmerkte: „When you say it out loud, it sounds like the worst thing ever“. In der folgenden Inhaltsangabe wird aber nichts vorkommen, was dem Zuschauer nicht eh nach einer halben Stunde offenbart wird.

Story

Bei der Detroiter College-Studentin Jay läuft es eigentlich ganz gut, was nicht zuletzt an ihrem designierten neuen Freund Hugh liegt. Gut, auch er scheint ein Fan der eingangs erwähnten Paranoia zu sein – so flüchtet er bei einem Date im Kino aus selbigem, nachdem er dort eine Frau erblickt, die Jay offenbar nicht sehen kann – aber im Großen und Ganzen ist er total der sweete Boy, der einzig Richtige, etc. pp. Grund genug, eines Abends gemeinsam an einen romantischen, abgelegenen Strand zu fahren, dort umweht von einer sanften Brise dem Spiel der Wellen zu lauschen, um gemeinsam im Rausch der Liebe eng umschlungen im weichen Sand… zurück zum Auto zu gehen und es auf dem engen Rücksitz zu treiben. Nun gut. Von vergleichbarer Romantik ist die Tatsache, dass Hugh seine Angebetete nach getaner Arbeit mit Chloroform betäubt.

Jay erwacht halbnackt an einen Rollstuhl gefesselt in einer Ruine, woraufhin Hugh ihr den Zweck der postkoitalen Entführung offenbart. Beim Sex habe er etwas an sie weitergegeben, was ihr von nun an nach dem Leben trachten werde. Während Jay vermutlich die ihr bekannten sexuell übertragbaren Krankheiten gedanklich nach ihrer Inkubationszeit sortiert, kommt eben jenes „Etwas“ auch schon zur Tür herein. Ja, tatsächlich sind Hughs Ausführungen recht wörtlich zu nehmen: Ein Wesen, das jegliche menschliche Gestalt annehmen kann, aber nur für die beiden (und alle weiteren ehemals Betroffenen) sichtbar ist, wird ihr unaufhaltsam im gemütlichen Schritttempo folgen und sie töten, sobald es sie berührt. Einen kleinen Ausweg gibt es immerhin, denn der Fluch (den ich konsequent als solchen bezeichnen werde, was der Film selbst meiner Erinnerung nach zwar nicht tut, aber auch nichts anderes vorschlägt) breitet sich nicht im Schneeballsystem aus, sondern ähnelt eher einem Wanderpokal oder Staffelstab, kurzum: Sobald Jay ihrerseits mit jemandem schläft, wird „Es“ nicht mehr sie, sondern ihren Sexualpartner verfolgen. Zu einer weiteren Konkretisierung der Spielregeln kommt es nicht mehr (mangels besseren Wissens wird allerseits davon ausgegangen, dass nur heterosexuelle Penetration zählt. Damit ist der Film im Jahr 2014 ohne riesigen Shitstorm davongekommen?!), da „Es“ sich in Gestalt einer nackten Frau langsam aber sicher nähert. Gentleman Hugh bringt Jay in eigenem Interesse aus der Gefahrenzone und liefert sie auf dem heimatlichen Bordstein ab, schließlich hat er ja noch eine Zusatzklausel im Hinterkopf: Sobald ein Opfer stirbt, ist wieder der Vorgänger an der Reihe. Zusammen mit einer Hand voll Freunden gilt es für Jay in der Folgezeit, den Fluch wieder los zu werden und „Es“ währenddessen möglichst auf Distanz zu halten…

Bewertung

Ein übertragbarer Fluch – auf sexuellem Wege wohlgemerkt –, der klar definierten Regeln folgt. Klingt das dumm? Ja, ich kann Mitchell nur Recht geben, es hört sich tatsächlich nicht sonderlich stark an. Kann man darum einen Film aufbauen? Kann man, sollte man meiner Meinung nach aber nicht. Ist It Follows folglich schlecht und kann ich ruhigen Gewissens in den Verriss-Modus wechseln? Überhaupt nicht – wenn man ihn aus der richtigen Perspektive beurteilt.

Die betrachtet die Art der Weitergabe des Fluches eben nur am Rand; ja selbst die reine Möglichkeit der Weitergabe ist eher nebensächlich. Sie ist an sich schon nicht durch überbordende Originalität geprägt, der Zaunpfahl der STD-Metaphorik schwingt zwar immer ein bisschen im Hintergrund hin und her, ist angesichts der Eigenschaften des Fluchs aber eh nicht haltbar und abgesehen von ein bisschen Charakterentwicklung/-dynamik zum Ende hin spielt die sexuelle Übertragbarkeit im Prinzip auch keine so große Rolle für die Story. Es ist meines Erachtens definitiv spürbar, dass sie laut Mitchell ursprünglich kein Teil des Plots war, sondern erst hinzugefügt wurde, als er sich entschied, den Fluch nicht auf eine Person zu beschränken und einen halbwegs naheliegenden Weg der Weitergabe wählte. Warum – könnte man nun fragen – lege ich also explizit Wert darauf, dies als die Nebensache zu betrachten, die es ist? Für mich macht es den Anschein, als würde genau dieser Aspekt des Films allgemein zu sehr in den Fokus gerückt werden, beispielsweise in Trailern, aber auch in vielen Kritiken. Die Betonung eines Fluches, der zwischen verschiedenen Zielen hin- und herspringen kann, würde mich einen klassischeren Slasher-Ablauf erwarten lassen (Final Destination kommt mir dabei in den Sinn) und wenn ein Kollege auf It Follows angesprochen fragt, ob das „der mit dem Sex“ sei, verfestigt sich der Eindruck endgültig, dass an irgendeiner Stelle (im Zweifel im Marketing) falsche Prioritäten gesetzt wurden.

Akzeptieren wir das also als zwar daseinsberechtigtes, aber nicht so zentrales Element wie es den Anschein hat, und begutachten andere Aspekte wie zum Beispiel den eigentlichen Kern der Story, der sich ganz unauffällig sogar in den Titel eingeschlichen hat, und siehe da: Die Grundidee eines unaufhaltsam folgenden und – wie uns im ansonsten unbedeutenden Prolog bereits anschaulich dargestellt wird – letztlich kompromisslos mörderischen Wesens ist pures, exzellentes Albtraummaterial. Auch hier kann man streng genommen nicht von einer Ausgeburt an Originalität sprechen: Die suspense-trächtigen Sequenzen eines Halloween mit dem physisch kaum verwundbaren, sich ebenfalls stets in Schrittgeschwindigkeit nähernden Michael Myers funktionierten bereits vor knapp 40 Jahren auf eine sehr ähnliche Weise. In It Follows wird dieses Prinzip allerdings in noch effektiverer Form umgesetzt: Der Verfolger ist ausschließlich auf sein Ziel ausgerichtet, ohne dass ein potentiell fehleranfälliges planvolles Vorgehen oder gar Emotionen ihn behindern. Flucht ist keine rettende Option, sondern verschafft höchstens Zeit, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass „Es“ längst unterwegs ist und früher oder später ankommen wird (eine Flucht über den Ozean mit anschließender Reminiszenz an die einen See durchquerenden Zombies aus Land of the Dead hätte ich übrigens über alle Maßen gefeiert). Zudem ist das Wesen mangels einer festen Gestalt deutlich schwieriger identifizierbar als ein hünenhafter maskierter Killer, sodass jegliche Ansammlungen von Menschen – als erster relevanter Schauplatz z. B. der College-Campus – grundsätzlich erstmal Gefahr ausstrahlen und dem Verfolger weiterhin die gerne genutzte Möglichkeit offen gelassen wird, in angebracht verstörenden Formen aufzutreten. Dazu kommt schließlich noch die Tatsache, dass „Es“ nicht für Außenstehende sichtbar ist, wodurch das aktuelle Ziel selbst dann weitestgehend auf sich allein gestellt ist, wenn es sein Umfeld von der Existenz des Fluchs überzeugen kann. Dass der Fluch weitergegeben werden kann, wäre für mich fast schon ein Kritikpunkt, da es zunächst die absolute Ausgeliefertheit aufweicht, doch dank der rekursiven Art und Weise der Zielerfassung ist es letztlich doch kein Problem. Wie man es dreht und wendet, nur der eigene Tod stellt einen Ausweg dar. Ich wüsste nicht, wie man die Urangst des Verfolgt-Werdens noch effektiver darstellen könnte (was insofern nicht verwunderlich ist, als dass „Es“ meines Erachtens eben nicht wie vielerorts interpretiert sexuell übertragbare Krankheiten personifiziert, sondern schlicht den Tod und dessen Unausweichlichkeit). Grandios!

Nun reicht eine hervorragende Prämisse natürlich nicht, wenn die Umsetzung nicht stimmt, sonst wäre z. B. Attack of the Killer Hog ein Oscarkandidat. Das führt uns zum zweiten wesentlichen Merkmal von It Follows, nämlich seiner Identität als klassischer Horrorfilm. Trotz des von der „Norm“ abweichenden Konzepts, dass hier nicht eine Reihe Teenies der Reihe nach geschlachtet werden, steht der Film ja zweifellos in der Tradition der alten Slasher. Das ist seit dem 90er-Revival des Genres durch Scream nicht außergewöhnlich und bescherte uns in Einzelfällen auch vernünftige Streifen, doch eine stets moderne, effekthascherische, zusammengefasst eher „hippe“ als gruselige Präsentation tat dem Großteil der neueren Genrevertreter nicht gut. It Follows hingegen ist das Traditionsbewusstsein jederzeit anzumerken; auf False Scares wird ebenso fast völlig verzichtet wie auf Gore, der Horror wird seltenst durch jump-scare-induzierende Soundeffekte oder hektische Schnitte verwässert. Da hält die Kamera durchaus auch mal eine gefühlte Ewigkeit drauf, während „Es“ sich in unverdächtiger Gestalt aus dem Hintergrund nähert – so geht Suspense und so entstehen harte, im Gedächtnis bleibende Szenen. Eine Sequenz, die mit einer geschlossenen Tür zu tun hat (Kenner des Films werden zweifellos wissen, welche ich meine), gehört zum Wirkungsvollsten, was ich seit Jahren gesehen habe. Der mal subtile, mal dröhnende Synthie-/Noise-Score, der sich kaum expliziter auf den Carpenter der 80er beziehen könnte, rundet die immer wieder in spannungsgeladenen Momenten mündende Atmosphäre großartig ab.

Genug der Superlative. It Follows ist – auch wenn ich gerade mühsam dagegen argumentiert habe – natürlich nicht perfekt. So ist es z. B. keine gute Idee, den Plot streng logisch zu betrachten. Dass keine rein rationalen Maßstäbe angelegt werden dürfen, versteht sich von selbst und ist natürlich auch in Ordnung (wird vom Script auch gezielt verhindert, indem schnell klar gemacht wird, dass man die Ausgangslage zu akzeptieren hat und sich nicht auf eine Forschung nach dem Ursprung oder „Sinn“ des Fluchs begeben wird… dass das im angedachten Sequel der Fall sein könnte, vorverurteile ich hiermit schärfstens), aber insbesondere im letzten Drittel werden sowohl die innere Logik, als auch der gesunde Menschenverstand manchmal zu sehr der Plotentwicklung geopfert. Um ein möglichst spoilerfreies, aber markantes Beispiel zu nennen: Der Film kann sich zu keinem Zeitpunkt so recht festlegen, in welchem Ausmaß „Es“ physischen Einfluss auf die Umgebung und insbesondere auf nicht-betroffene Menschen haben kann; gerade im späteren Verlauf scheinen sich seine Fähigkeiten an die Anforderungen des Plots anzupassen. Gleichzeitig lassen sowohl Frequenz, als auch Qualität der suspense-trächtigen Szenen in dieser Phase nach. Leider stellt gerade der „Showdown“ einen Tiefpunkt dar, indem er die zuvor so gekonnte, effektive Inszenierung der ersten paar Eskalationen fast völlig vermissen lässt und stattdessen verhältnismäßig langatmig und überaus unlogisch ist.

Dem Slasher seit jeher inhärent ist ein überschaubarer, junger Cast und auch hier steht nicht mehr als eine Hand voll Charaktere im Zentrum, die von bisher überwiegend nicht relevant in Erscheinung getretenen Akteuren verkörpert werden (am ehesten kann man wohl Keir Gilchrist kennen, muss man aber auch nicht). Es kommt glücklicherweise zu keinen Ausfällen; Teile des männlichen Casts (vor allem Daniel Zavatto fällt hier auf) haben mitunter zwar leichte Probleme mit der Glaubwürdigkeit, was aber eher dem späteren Script als den Schauspielern anzulasten ist. Am wichtigsten ist ohnehin mit Abstand Maika Monroe (die im Sequel zu Independence Day zu zweifelhaftem Ruhm kommen wird) als Jay und an ihrer angenehm zurückhaltenden, bei Bedarf aber auch angemessen und glaubwürdig panischen Darstellung gibt es nichts auszusetzen.

Fazit

It Follows beruft sich sowohl thematisch, als auch (und vor allem) audio-visuell auf klassische Slasher, ist dabei old-school ohne altbacken zu wirken und gleichzeitig modern, ohne sich an die ADHS-Generation anzubiedern. Auf einer auf die Basis des Horror-Genres reduzierte und gerade deswegen ungeheuer wirkungsvolle Prämisse wird weitestgehend stark aufgebaut, wobei ein Abflachen in vielerlei Hinsicht im letzten Drittel bis Viertel des Films leider nicht geleugnet werden kann. Der um die Grundidee geschusterte Plot wirkt stellenweise arg konstruiert und hat ebenfalls zum Ende hin Probleme mit einer etwas willkürlichen inneren Logik. Da es sich nunmal um einen Horrorfilm handelt und It Follows als solcher vollends überzeugen kann, lässt sich darüber letztendlich leicht hinwegsehen, sodass wir es hier meiner Meinung nach insgesamt mit einem der besten Genrevertreter diesseits der Jahrtausendwende zu tun haben.

9/10

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