The Human Centipede III

Originaltitel: The Human Centipede III (Final Sequence)
Genre(s): Fun-Splatter
Regisseur: Tom Six
Produktionsland/-jahr: Niederlande, 2015
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

„My hands are shaking with excitement! What about you Six, having a hard-on?“

Ach, es hilft ja nichts. Jetzt, da Tom Six seine Drohung nach gewissen Schwierigkeiten während der Produktion (z. B. dem zwischenzeitlichen Absprung des Hauptdarstellers) doch wahr gemacht und den dritten Teil der Reihe fertiggestellt hat, muss ich mir The Human Centipede 3 natürlich auch noch geben. Es ist zwar fraglich, was man nach dem todernsten ersten und dem dreckigen und blutigen, aber mit schwarzem Humor durchsetzen zweiten Teil für den Abschluss der Trilogie überhaupt noch in petto haben könnte (nein, eine Verlängerung des Hundertfüßers auf, sagen wir mal, 500 Glieder würde mir nicht reichen), aber bringen wir’s halt hinter uns; so schlimm kann es ja nicht werden…

Story

In einem Gefängnis im Süden der USA hat der deutschstämmige Leiter Wilhelm “Bill“ Boss ein strenges Regime errichtet und wird der Gefangenen hauptsächlich mittels Androhung und Vollzug brutalster Strafen Herr – in guter amerikanischer Tradition z. B. durch Waterboarding, dessen Effektivität durch die Verwendung von kochendem Wasser noch etwas gesteigert wird. Bills treuer, nur marginal weniger gestörter Buchhalter Dwight Butler (Versteht ihr? Boss und Butler? Ist das genial?!), der Gefängnisarzt Dr. Jones und die Sekretärin Daisy – ihres Zeichens Dwights heimliche Angebetete und Bills Standby-Gebläse – stehen ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite.

Dennoch ist die Situation für unsere Helden nicht so harmonisch, wie es zunächst den Anschein hat: Die drastischen Maßnahmen sind Gouverneur Hughes ein Dorn im Auge, wenn auch hauptsächlich wegen der massiven Kosten, die die medizinische Behandlung der Gefangenen verursacht.  Da wir uns in einem Wahljahr befinden, sieht Hughes dringenden Handlungsbedarf und stellt Boss und Butler ein Ultimatum: In zwei Wochen haben sie die Lage in den Griff zu kriegen und den Betrieb des Knasts rentabel zu gestalten, ansonsten verlieren sie ihre Jobs. Die erste Idee einer Massenkastration zur Senkung des allgemeinen Testosteronspiegels und somihuman_centipede_3_02t des Aggressionspotentials erweist sich als nicht praktikabel. Dwight hat allerdings bereits seit längerem eine andere Maßnahme im Kopf: Wenn man die Häftlinge einfach wie in diesem perversen B-Movie The Human Centipede zusammennähen würde, wären sie nicht nur wehrlos, sondern man könnte zudem die Kosten für Nahrung und Sicherheitspersonal einsparen und die Operation sogar so durchführen, dass einzelne Glieder nach dem Absitzen ihrer Strafe ohne übermäßige Schäden entfernt werden können. Nach anfänglicher Skepsis ist Bill spätestens nach der Bestätigung durch Mastermind Tom Six, dass die Filme auf einem medizinisch vollkommen stichhaltigen Hintergrund basieren begeistert und veranlasst alles Nötige zur Erschaffung des ersten menschlichen Gefängnis-Hundertfüßers…

Bewertung

Er hat es schon wieder getan. Also nicht den Härtegrad deutlich erhöht, wie es nach First Sequence und Full Sequence für den jeweiligen Nachfolger angekündigt wurde, sondern einfach mal das Genre gewechselt – der Bruch zwischen dem zweiten und dritten Teil ist erneut massiv. Während der Vorgänger zwar auch eine humorvolle Komponente besaß, gestaltete sich diese verhältnismäßig subtil und im Kern war es dann doch vor allem im späteren Verlauf ein düsterer, dreckiger Splatterfilm. Final Sequence hingegen legt jegliche Subtilität ab und präsentiert sich als völlig übertrieben, geradezu comichaft und fast zu 100 Prozent auf Humor ausgerichtet. Dieser wird selbstverständlich mit dem Holzhammer vermittelt (mit ein paar Ausnahmen, die aber teilweise derart meta sind, dass man sie ohne Recherche eh nicht wahrnimmt) und überschreitet immer wieder die Grenze der gerade noch erträglichen Stumpfheit, wobei er wiederum so abgedreht und im Hinblick auf die ursprünglich völlig ernste Grundidee deplatziert wirkt, dass mich das hier grundsätzlich erstmal weniger stört als z. human_centipede_3_03B. in der strunzdummen Hollywood-Slapstick, die Jim Carrey oder Adam Sandler zu Ruhm verhalf. Für eine ganze Reihe brauchbarer One-Liner wird zwar gesorgt, und man hangelt sich auch nicht ständig nur von Gag zu Gag, sondern wartet schon mit ein paar roten Fäden auf, aber der Zuschauer muss zwingend seinen Anspruch „etwas“ senken, damit der Humor nach einem überaus starken Beginn noch halbwegs zündet. Zugegebenermaßen habe ich mir in der ersten Viertelstunde dermaßen eingenässt, dass ich die Worte “Anspruch” und “Niveau” zukünftig zwangsläufig aus meinem Vokabular streichen muss, doch im weiteren Verlauf sind ein Qualitätsverlust und Abnutzungseffekt deutlich spürbar.

Die eigentliche Handlung steht dabei im Hintergrund und bildet vielmehr das Rahmenwerk – obige Inhaltsangabe deckt abgesehen von Daisys überschaubarer Rolle und Bills Fehden mit bestimmten Häftlingen eigentlich alles ab. Der Plot arbeitet natürlich ausschließlich auf die Erschaffung des Hundertfüßers hin, tut das immerhin auf eine zielgerichtete, geordnete und somit insgesamt solide Weise (der zweite Teil ergab im großen und ganzen weniger Sinn), hat aber keine Substanz für knapp 100 Minuten Laufzeit. Muss er in einem solchen Film auch nicht; ich bin mit dem Vorhandensein einer inneren Logik schon zufrieden. Dass man sich wie schon im Vorgänger auf einer Metaebene bewegt – gipfelnd im Auftritt von Tom Six höchstselbst -, gefällt mir erneut sehr gut, aber ich mag so etwas einfach generell grundsätzlich und würde es nicht pauschal zu einem objektiven Qualitätsmerkmal erklären.

Sowohl der Plot, als auch der Humor drehen sich nahezu ausschließlich um die beiden Hauptcharaktere Bill und Dwight; der Film ist komplett auf sie fokussiert. Interessanterweise ist das für beide Darsteller keine Premiere in diesem Kontext, denn es handelt sich um Dieter Laser und Laurence R. Harvey, die – wohlgemerkt als andere, von ihrer Art her grundverschiedene Charaktere – bereits den ersten, respektive zweiten Teil im Alleingang trugen. Laser als ultra-cholerischer Sadist Bill steht hier dermaßen im Zentrum, dass er tatsächlich in jeder Szene zu sehen ist und wie bereits seine Darstellung des eiskahuman_centipede_3_01lten Dr. Heiter in First Sequence wertet dies den Film ungemein auf. Wie der unheimlich ausdrucksstarke Norddeutsche den puren Wahnsinn zelebriert, ist, nun ja, purer Wahnsinn halt. Die Intensität, aber auch Glaubwürdigkeit, mit der er einen derart überzeichneten Charakter darstellt, ist so markant und bemerkenswert, dass ich ihm ungern in freier Wildbahn begegnen wollen würde (obwohl ich ja schon ein bisschen verliebt bin) und mich während des Films mehrfach gefragt habe, ob man ihm überhaupt jemals wieder andere Rollen abkaufen könnte – und ja, natürlich wird man das können, denn der ebenfalls bockstarke Auftritt des renommierten Theaterdarstellers als Dr. Heiter war bekanntlich auf völlig andere Weise (abgesehen von Heiters kurzen Wutausbrüchen) ebenso intensiv. Ist das ein großartiger Schauspieler, beeindruckend. Das richtige Gesicht für die Rolle und den passenden breiten deutschen Akzent hat er zudem auch.

Laser ist so verdammt gut, dass Laurence R. Harveys ebenfalls erstklassige Leistung als intelligenter Sidekick fast zu sehr in den Hintergrund gerät. Ihm wird durch den alles dominierenden Irren an seiner Seite nur begrenzter Raum zur Entfaltung gelassen, den er aber so gut es geht nutzt und vor allem so gut mit Laser harmoniert, dass die Besetzung der Hauptcharaktere das absolute Highlight des Films darstellt. Der restliche Cast ist somit natürlich völlig nebensächlich. Ex-Pornosternchen Bree Olson kann immerhin gut aussehen und ihre Vorzüge (alle beide) durch die Gegend tragen; unter den Gefangenen sticht der chronische Gangster-Darsteller Robert LaSardo ein wenig hervor. Bemerkenswert sind sonst höchstens noch die Auftritte von Eric Roberts als aalglatter Gouverneur (wie sehr sich Julia wohl für den Schund schämt, für den ihr großer Bruder sich hergibt?) und Tommy „Tiny“ Lister, der zwar immer noch kein überzeugender Schauspieler ist, aber einst Hulk Hogans Gegenspieler im Trashspektakel Der Hammer gab, danach als „Zeus“ sogar ein paar Monate in der damaligen WWF unterwegs war und von dem langjährigen Wrestling-Fan, der ich nunmal bin, pauschal ein paar Bonuspunkte bekommt. Ähnliches gilt vielleicht noch für Jay Tavare, den ich hier zum ersten Mal seit der legendären Street Fighter-Verfilmung mit Jean-Claude Van Damme sehe (ist auch nicht so, als wäre er seit seinem dortigen Auftritt als Vega auch nur ansatzweise relevant in Erscheinung getreten). Gut, lassen wir das Nerdtum, es ist aber schon witzig und freut den Trash-Freund, wen Tom Six hier so verpflichtet hat. Apropos Six; so nett ich seinen Auftritt an sich finde, glaube ich, dass seine Sonnenbrille mehr Charisma und auch eine vielseitigere Mimik besitzt als er selbst.

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Von The Human Centipede wird natürlich ein gewisser Ekelfaktor erwartet. Im ersten Teil reichte noch die abartige Prämisse, im zweiten hatte die sich bereits etwas abgenutzt und expliziter Splatter wurde erforderlich. Der Hundertfüßer selbst beeindruckt in Final Sequence endgültig nicht mehr; wie gesagt macht es am Ende keinen großen Unterschied, ob drei, zwölf oder 500 Leute zusammengenäht werden, auch wenn letzteres in seiner grenzenlosen Übertreibung schon wieder witzig ist. Splatter gibt es allerdings auch nur noch in einer Hand voll Szenen, von denen nur eine über das Genre-Einmaleins hinausgeht. Die angekündigte hundertprozentige Tabulosigkeit findet sich in Final Sequence stattdessen primär in kleineren, stets zutiefst menschenverachtenden Gags und Aussagen wieder. Die Behandlung von Daisy wäre ein Beispiel, ebenso der gepflegte Rassismus des Gefängnisleiters oder auch sein bevorzugter Snack aus getrockneten Klitorides, für die man die weibliche Beschneidung in Afrika schon mal preisen kann. Das ist mitunter zugegebenermaßen unterhaltsam, aber eben zumeist enorm selbstzweckhaft provokant.

Fazit

Das Ende der Human Centipede-Trilogie überrascht durch einen erneuten Genrewechsel und nutzt die titelgebende Kreation nur noch als Aufhänger für einen Alibi-Plot, der in erster Linie als Grundlage für eine One-Man-Show des gigantisch aufspielenden Dieter Laser dient. Würden Laser und der kongeniale Laurence Harvey Final Sequence nicht so gelungen tragen, bliebe lediglich ein inhaltsarmer, gezwungen provokant erscheinender Film mit Hit-And-Miss-Komik von überschaubarem Niveau und unspektakulären Splattereinlagen. So jedoch ist er bei allen offensichtlichen Schwächen trotz relativ langer Laufzeit kurzweilig und kann eine konstante Vorfreude auf die nächste Eskalation des hemmungslos überzeichneten Hauptcharakters erzeugen. Bei Interesse an tabubrechendem Fun-Splatter kann ein Blick nicht schaden; viel niveauvoller sind Klassiker wie Bad Taste oder diverser abgefahrener japanischer Kram wie Tokyo Gore Police schließlich auch nicht, wenngleich der Splatteranteil hier durchaus noch etwas höher hätte sein können. Hofft man jedoch auf eine „richtige“ Fortsetzung des ersten Teils, den ich abschließend zum den besten Teil der Trilogie erklären muss und der ein viel besserer Film ist, als der schlechte Ruf der Serie vermuten lässt, wird man ohne jeden Zweifel enttäuscht sein.

6/10

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