Meat Grinder

Originaltitel: Cheuuat gaawn chim
Genre(s): Splatter, Drama
Regisseur: Tiwa Moeithaisong
Produktionsland/-jahr: Thailand, 2009
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

„Du wirst diese Zubereitung benötigen. Wann dieser Moment kommt, wirst du selbst erkennen.“

Die südostasiatische Küche ist im allgemeinen ja hervorragend, so auch die aus Thailand. Das Horror-/Splatter-Kino des putschfreudigen Landes hat nach meinem Eindruck hingegen bisher eher selten für Begeisterung gesorgt; außer dem gefälligen Geisterhorror Shutter und der wohl sehr durchwachsenen Splatter-Reihe Art of the Devil ist mir da nichts geläufig. Meat Grinder kombiniert beides – was den Behörden ein Dorn im Auge war und für reichlich Zensur sorgte, damit ein dahergelaufener B-Movie nicht die weltberühmte kulinarische Seite Thailands in Verruf bringt. Die (wenn man diversen Quellen glauben darf) über 12 Minuten, die von staatlicher Seite im Produktionsland bereits während der Produktion kassiert wurden, reichten dem deutschen Vormund natürlich nicht, sodass auch hier noch einmal die Schere angesetzt wurde und weitere knapp vier Minuten verloren gingen. Die diesem Review zugrunde liegende Fassung sollte aber komplett sein; manchmal kommen eben doch gute Dinge aus Österreich…

Story

Die (schätzungsweise) Mittdreißigerin Buss lebt zusammen mit ihrer kleinen Tochter Bua in relativ ärmlichen Verhältnissen und hat es nicht leicht: Aus ihrer Kindheit hat sie ein Trauma und einen anfangs eher vage umrissenen psychischen Schaden mitgenommen; ihr Mann, mit dem sie einst zwangsverheiratet wurde, vergnügt sich lieber mit einer Geliebten statt zum familiären Einkommen beizutragen und dem Vermieter reicht der daraus resultierende Zahlungsverzug langsam aber sicher. Da sie durch ihre Arbeit als Imbissfrau mit einer mobilen Suppenküche die finanziellen Probleme nicht wirklich in den Griff bekommt und die Lage auf den Straßen durch gewaltsameat_grinder_01m niedergeschlagene Studentenproteste chronisch gefährlich ist, entschließt sie sich dazu, ihr Haus zu einem kleinen aber feinen Nudelrestaurant umzufunktionieren, wobei sie von ihrer Zufallsbekanntschaft und Verehrer, dem Studenten Attaphol, unterstützt wird. Da Buss eine ausgezeichnete Köchin ist und von ihrer offenbar ebenso begabten Mutter geheimnisvolle Rezepte erbte, läuft es damit auch ganz gut; das Leben scheint sich tatsächlich zum besseren zu wenden.

Hinter der Fassade (und das wird in den ersten Szenen klargestellt; ist somit kein Spoiler) jedoch wird deutlich, dass Buss nicht so harmlos ist, wie es ihren Gästen und vor allem Attaphol scheint: Wichtige Komponenten ihrer mysteriösen Rezepte sind menschliches Fleisch und Blut; im Keller des Hauses lagert das entsprechende Rohmaterial teilweise in handlichen eingelegten Stücken, teilweise als unzerlegte Frischware am Haken. Aktuell stehen beispielsweise der Bruder der Geliebten ihres Ehemannes, sowie ein Freund von Attaphol, der sich während einer Demo in ihrem Verkaufsstand versteckt hatte und dort starb, auf dem Speiseplan. Die Liebe, die Buss von Attaphol erfährt und die für sie eine Möglichkeit zum Ausbruch aus dem isolierten und durch Zwangshandlungen infolge der traumatischen Kindheit bestimmten Leben darstellt, birgt somit gleichzeitig das Risiko aufzufliegen, wodurch es sich mit einer lebenswerten Zukunft endgültig erledigen dürfte…

Bewertung

Die Thematik der heimlich mit Humanressourcen verfeinerten Gerichte kommt Freunden des gestörten astiatischen Kinos vermutlich bekannt vor, wurde sie doch in dem chinesischen Dumplings und bereits Mitte der 90er in Ebola Syndrome (den ich nun wirklich nicht überragend fand, der aber einen gewissen Kultstatus erreicht hat) ähnlich verarbeitet. Während sich vor allem zweiterer vor allem auf Shock Value verließ, wird der unbewusste Kannibalismus in Meat Grinder in ein tragisches Psychogramm der meat_grinder_02dominierenden Hauptfigur Buss eingebettet, das ihre Vergangenheit und den Versuch, in ein halbwegs normales Leben zu finden, beleuchtet. Das ist durchaus interessant und wird von Hauptdarstellerin Mai Charoenpura (aus westlicher Sicht ein völlig unbeschriebenes Blatt) auf unplakativ-ruhige Weise zumeist höchst glaubwürdig herübergebracht.

Angesichts der Zensurgeschichte dürften sich findige Leser aber bereits denken können, dass es sich nicht um ein reines Drama mit „spezieller“ Thematik handelt, sondern auch gut gesplattert wird. Meat Grinder geht früh dahin, wo es weh tut und bleibt bei den Gewaltausbrüchen, deren Frequenz nicht so hoch ist, wie es der heftige Auftakt und das Marketing des Films vermuten lassen würden, auf konstant hohem Niveau. Ich bin jedoch etwas unentschlossen in der Frage, ob der explizite Splatter wirklich mit der tragischen Geschichte um Buss harmoniert. Der Härtegrad sorgt schon für eine interessante Ambivalenz bei der Betrachtung des Hauptcharakters: Obwohl so ziemlich das erste, was man von Buss zu sehen bekommt, ein vielleicht sadistisches, auf jeden Fall aber empathieloses und höchst brutales Vorgehen präsentiert, kam ich nicht umhin, Sympathie für sie zu entwickeln und die drohende Enttarnung keineswegs gutzuheißen – ich kann mir gut vorstellen, dass die Erzeugung des resultierenden inneren Konflikts, dem sich letztlich auch der Charakter Attaphol stellen muss, absolut in der Absicht des Drehbuchs liegt. Insofern dient der Splatter als nettes Kontrastmittel und nicht wie so häufig nur dem Selbstzweck.

Das Problem an der Sache ist aber, dass diese Diskrepanz nicht etwa ein ansonsten sinnvolles, quasi mit beiden Beiden auf dem Boden stehendes Werk verfeinert, sondern bereits die grundsätzliche Erzählweise und audio-visuelle Gestaltung Meat Grinder als eher zerfurchten, wenig kohärenten Film darstellen. Häufige Rückblenden in die Kindheit der Protagonistin und auch diverse Zeitsprünge in der Gegenwart werden mit einem tiefen Fundus an optischen Gestaltungsmitteln (monochrome Sequenzen, sonstige Farbfilter, extravagante Kameraeinstellungen,meat_grinder_03 Slow Motion, …) kombiniert; das Pacing fühlt sich sowohl dadurch, als auch durch immer wieder viel zu lang geratene Einstellungen nie wirklich „richtig“ an. Unterlegt wird dies mit einem intensiv genutzten Soundtrack, der auf einzelne Szenen bezogen zwar sehr zu gefallen weiß, aber von klassischem Horror-Score á la Herrmann und Carpenter über Klassik und opernartige Stücke bis zu Elektro die verschiedensten Stile abdeckt. Man könnte argumentieren, dass der dissonante Gesamteindruck Buss‘ Zerrissenheit veranschaulicht und der Film geradezu in Richtung Arthouse abdriftet, aber sehr unterhaltsam und genießbar ist das letztendlich nicht. Zumindest die Story fügt sich am Ende halbwegs zusammen, bis dahin wird der Zuschauer aber zu sehr mit dem fragmentarischen Wesen des Streifens allein gelassen und es fällt schwer, sich endgültig darauf einzulassen bzw. darin abzutauchen. Dass sich trotz dieser Art der Umsetzung einige Längen einschleichen, ist ebenfalls bemerkenswert.

Fazit

Meat Grinder sorgt während der Laufzeit für den konstanten Eindruck, dass er eigentlich richtig gut werden könnte, wenn er denn mal zu sich selbst findet. Die gegensätzlichen Pole des Splatters und des psychologischen, teilweise gar romantischen Dramas sind für sich betrachtet durchaus gelungen und isoliert betrachtet wird mit einigen intensiven, stimmigen Szenen aufgewartet, doch die Kombination wirkt insgesamt viel zu zerfahren; die Realisierung hoffnungslos überladen. Das mag ganz bewusst so umgesetzt worden sein und im Rahmen des Plots (bzw. hauptsächlich in der Charakterisierung der Protagonistin) ergibt es auch irgendwo Sinn, aber für meinen Geschmack werden dabei zu viele Abstriche in der Unterhaltsamkeit in Kauf genommen. Die einzelnen Komponenten rechtfertigen eine Empfehlung für Freunde harter psychologischer Dramen, die sich von einer experimentell-künstlerischen Umsetzung und höchst explizitem Splatter nicht abschrecken lassen, doch es bleibt das Gefühl viel verschenkten Potentials zurück. Die Zutaten für einen wirklich überzeugenden Film sind eigentlich da, das Rezept ist jedoch an den entscheidenden Stellen durcheinander geraten.

6/10

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