Deathgasm

Originaltitel: Deathgasm
Genre(s): Splatter, Comedy
Regisseur: Jason Lei Howden
Produktionsland/-jahr: Neuseeland, 2015
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Metalheads haben es bekanntlich nicht leicht. Uneingeweihte halten ihre bevorzugte Musikrichtung für unstrukturierten Lärm, sie selbst für Satansanbeter und/oder potentielle Amokläufer und mit brauchbaren Spielfilmen über ihre Leidenschaft werden sie auch nicht gerade überschüttet. Zumindest den letzten Punkt versucht der neuseeländische Low-Budget-Film Deathgasm geradezurücken, indem er eine gar fröhliche Splatterei in eine Handlung einbettet, die kaum ein Klischee über stromgitarrenlastige Musik auslässt. Wenn das mal nicht zu Opferungsabsichten seitens der natürlich völlig humorlosen Metalgemeinschaft führt…

Story

Der Teenager Brodie wird aufgrund vorläufiger Unpässlichkeit seiner Mutter bei der Verwandtschaft in der neuseeländischen Provinz einquartiert. Dummerweise sind Onkel und Tante fanatische Christen und Cousin David ein typischer Highschool-Athlet; Brodie ist nämlich Metalhead und hat somit einen schweren Stand in seiner neuen Familie. Auch in der Schule wird er ordnungsgemäß umgehend in die Riege der Außenseiter einsortiert, wo ihn die Rollenspielnerds Dion und Giles willkommen heißen. Am Metalregal des örtlichen Plattenlädchens macht Brodie allerdings die Bekanntschaft von Zakk; augenscheinlich der Einzige weit und breit, der seine Leidenschaft für Bands wie Autopsy, Devourment und die legendären, längst aufgelösten Haxansword teilt. Durch den schon mehr toten als lebendigen Frontmann der letztgenannten (fiktiven) Combo gelangen die beiden in den Besitz einer geheimnisvollen Komposition, die angeblich Dämonen beschwören kann.

deathgasm_01
deathgasm_02

Wie es beim Zusammentreffen zweier Metaller in freier Wildbahn Tradition ist, gründen Brodie und Zakk umgehend eine Band, die sie „Deathgasm“ taufen und mangels Alternativen mit Dion und Giles komplettieren. Dies macht auf Medina – ihres Zeichens das schönste Mädchen der Klasse und Davids Objekt der Begierde – offenbar genügend Eindruck, um sich für den langhaarigen Neuling zu interessieren. Bully David wiederum ist davon weniger angetan und verpasst ihm eine Abreibung, in Folge derer Brodie sich entschließt, mit Deathgasm die „schwarze Hymne“ zu spielen und sich vielleicht mit ein wenig satanischer Macht rächen zu können. Dass stattdessen ein machthungriger Dämon beschworen wird und der Großteil der Stadtbevölkerung zu blutrünstigen Bestien mutiert, lag jedoch nicht in ihrer Absicht und so gilt es fortan, diesen unglücklichen Umstand wieder zu beseitigen…

Bewertung

Ich bemühe mich mal, den Nerdgasm über Deathgasm etwas hinauszuzögern und beginne mit der offensichtlichsten Schwäche: Wow, ist das ein einfallsloser Plot. Wenn man das ganze Metal-Gedöns einmal ausblendet, steht sich eine kleine Gruppe Teenager nach der mehr oder weniger versehentlichen Entfesselung einer dämonischen Macht einer Menge fieser Kreaturen gegenüber und metzelt sich durch ebenjene, um den großen Anführer der höllischen Horden letztlich irgendwie aufzuhalten. Dazu noch eine Prise Highschool-Kitsch-Romantik, sowie eine kleine in obiger Inhaltsangabe ausgelassene Nebenhandlung, die ebenso vorhersehbar ist wie der Rest der Story, und fertig ist das nach dem Fun-Splatter-Baukasten in der Basisausgabe gestaltete Drehbuch. Klar, Vorbilder wie Shaun of the Dead (und natürlich Peter Jacksons genreprägende Werke Braindead und Bad Taste… so, Pflicht erfüllt; selbstverständlich kann eine Besprechung eines solchen Films neuseeländischer Herkunft nicht ohne die Nennung der teilweise auch im Film direkt referenzierten Klassiker auskommen, wenngleich ich deutlich mehr Parallelen zu der besagten britischen Zombie-Parodie sehe) brillieren ebenso wenig durch eine außergewöhnliche Story, aber so komplett überraschungslos waren sie auch wieder nicht.

Nun will der Zufall jedoch, dass ich mich seit vielen Jahren zu den hier parodierten Metallern zähle. Und siehe da: Nichts konnte mir während des Genusses des Films egaler sein als die Vorhersehbarkeit des Plots. Deathgasm verarbeitet eine Vielzahl an mal mehr, mal weniger zutreffenden Klischees über den spätpubertären Charakter des gemeinen Metalheads so gekonnt, dass es vom ersten Moment an eine wahre Freude ist. Dabei – und das ist dem Film enorm hoch anzurechnen – wird aber nie der Respekt vor der Musikrichtung samt mitschwingender Subkultur verloren. Es ist jederzeit spürbar, dass Regisseur und Autor Jason Lei Howden dem Metal selbst zugeneigt ist (hat nach eigener Aussage in frühester Jugend gleich mit hartem Zeug wie Cannibal Corpse, Morbid Angel und Emperor, die sogar zwei Songs zum Soundtrack beisteuern, losgelegt) und seinen Film als wohlgesonnene Persiflage versteht. Das hätte auch anders kommen können; vielleicht nicht unbedingt in einem Low-Budget-Splatter aus Neuseeland, aber vor einer auf Massenkompatibilität ausgerichteten Produktion, die sich des Themas annimmt, würde es mir grauen – und machen wir uns nichts vor; es wäre nicht sonderlich schwer, sich distanziert über diese merkwürdigen Menschen und ihre Krachmusik lustig zu machen. Hart an der Grenze ist hier lediglich das stilecht mit Corpsepaint durchgeführte Herumtollen im Wald zu Zwecken des Musikvideodrehs, aber wenn Immortal das vor 20 Jahren durften, darf Deathgasm das auch.

deathgasm_03
deathgasm_04

Der alles in allem also ausgezeichnete Humor wird durch die überwiegend nicht völlig unerfahrenen, aber auf internationaler Ebene bisher kaum in Erscheinung getretenen Darsteller fast einwandfrei unterstützt: Milo Cawthorne lässt Hauptcharakter Brodie angemessen sympathisch herüberkommen und kriegt den Wandel zum unfreiwilligen Splatter-Hero „glaubwürdig“ hin, James Blake als Zakk hat mit seinem eher trockenen Humor und relaxtem Auftreten die einfachere Aufgabe und kann sich daher nicht maßgeblich auszeichnen, aber an ihm gibt es ebenso wenig auszusetzen wie an Kimberly Crossman als Medina, die als Standard-Blondchen auch in einer harmlosen Hollywood-Teenie-Klamotte nicht deplatziert wäre (das klingt jetzt irgendwie viel negativer als es gemeint ist) und die Vertiefung ihres Charakters meistert. Ernsthaft kritisieren kann ich lediglich „Dion“ Sam Berkley, der den besserwisserischen RPG-Nerd zunächst gekonnt mimt, später aber in chronisches, nicht so recht mit dem Rest des Ensembles harmonierendes Overacting verfällt. 

Der Splatter als zweite große Hauptkomponente des Films weiß weitestgehend ebenfalls zu gefallen und fügt sich in aller Regelmäßigkeit gut und teilweise hervorragend humorvoll ein – ich glaube, ich habe selten allein vor dem Bildschirm sitzend derart aufgelacht wie beim Tod eines gewissen Antagonisten. Eine Hand voll innovativer Utensilien und diverse weniger bahnbrechende, aber doch solide, handgemachte Schlachtereien befriedigen voll und ganz. Den wenigen Splatterszenen, die computergestützt umgesetzt wurden, sieht man dieses allerdings deutlichst an, was den guten Gesamteindruck leider schmälert. Vielleicht ist das Geschmackssache, aber wenn beispielsweise ein Kopf seine obere Hälfte verliert, ist es mir gerade in einem durchaus bewusst trashigen Film wie diesem weitaus lieber, wenn das unter Einsatz eines offensichtlichen Props als durch schlechte CGI geschieht. Es ist zwar nur in zwei kurzen Szenen so richtig erbärmlich, doch da das keineswegs die spektakulärsten Goreeffekte des Films sind und sich der handgemachte Splatter auf hohem Niveau bewegt, ist es einfach unnötig. Im Showdown, der übrigens ruhig noch etwas übertriebener hätte ausfallen dürfen, werden relativ billige Masken ausgepackt – das ist okay, es passt wie die Faust aufs Auge (oder wie der Bohrer in selbiges), warum zieht man das nicht vorher schon konsequent durch? Ärgerlich. Ein nettes Feature hingegen – um bei Computereffekten zu bleiben – sind diverse Text- und Grafikeinblendungen, die z. B. bei der Vorstellung der Protagonisten, sowie im Rahmen des Bandnamen-Brainstormings eingesetzt werden. Sicherlich ist es eine Gratwanderung, solche Spielereien nicht überzustrapazieren, aber dass so etwas nur ein paar Mal innerhalb der ersten 20 Minuten vorkommt, finde ich durchaus schade; das hätte noch Potential haben können.

deathgasm_05
deathgasm_06

Überraschend, ja geradezu erschütternd mag die Tatsache sein, dass Deathgasm mit reichlich Musik der metallischen Sorte unterlegt ist. Man bewegt sich dabei zumeist in schnellen Gefilden, härterer Speed/Power Metal (Razorwyre, Skull Fist) oder gleich reiner Death Metal (wie die großartigen Nunslaughter und Goatesque, die die Musik der im Film gegründeten Band beisteuern, wobei ich stark bezweifle, dass es sich überhaupt um eine außerhalb von Deathgasm existente Band handelt, zumindest lassen sich keinerlei Infos über sie finden) untermalen die actionreichen Sequenzen, was erwartungsgemäß hervorragend passt. Ein wenig Abwechslung in Richtung Stoner/Sludge (Lair of the Minotaur, Beastwars) und Black Metal (Emperor!) gibt es zudem auch noch. Gut, die Abwechslung wird man als Außenstehender nicht unbedingt zu schätzen wissen, aber für mich ist es ein Zeichen des ausgeprägten Fanservices, der sich ohnehin an jeder Ecke äußert. Vermutlich ging Jason Lei Howden völlig darin auf, eine Referenz nach der anderen unterzubringen; mal subtiler in Posterform, aber natürlich auch explizit in der Interaktion zwischen Brodie und Zakk. Ich kann das nur gutheißen und wenn ein Hauptcharakter über den Großteil der Laufzeit ein Shirt der zweitbesten Band aller Zeiten trägt (namentlich Death, für die Unkundigen), fühle ich mich eigentlich fast genötigt, sofort 10 Punkte zu zücken. Herrlich.

Fazit

Es dürfte zur Kenntnis genommen worden sein, dass ich enormen Gefallen an Deathgasm gefunden habe. Zugegebenermaßen fällt es mir schwer, das in einer konkreten Wertung auszudrücken, da die nie respektlose Persiflage der Metalkultur mich allein thematisch schon so sehr anspricht und so großartig humorvoll umsetzt wurde, sowie mit dem überdurchschnittlichen Splatter harmoniert, dass die erwähnten Kritikpunkte zwar spätestens beim Reflektieren des Films auffielen, mich während der Laufzeit aber schlichtweg nicht störten. Wenn ich die rosa-, bzw. blutrote Brille beiseite lege und die Euphorie über die reine Tatsache, dass hier zwei meiner größten Leidenschaften gekonnt kombiniert werden in den Hintergrund rücke, müssen der überraschungs- und daher spannungslose Plotverlauf, vereinzelte CGI-Katastrophen und ein etwas zu unspektakulärer Showdown aber erwähnt werden und ziehen die Wertung ein wenig herunter. Zudem ist sehr fraglich, ob der Humor ohne Bezug zum Metal auch nur ansatzweise so wirksam ist; numerisch ausgedrückt können in dem Fall vermutlich locker zwei Punkte abgezogen werden. Das wiederum ist mir dann aber schon wieder zu viel der Objektivität; ich fühlte mich von Deathgasm jedenfalls köstlich unterhalten und kann ihm jedem, der mit dem Thema und natürlich dem Genre etwas anfangen kann, nur wärmstens empfehlen.

Abschließend sei noch erwähnt, dass Jason Lei Howden im Dezember 2015 bekanntgab, dass das Screenplay zu Deathgasm 2: Goremageddon (der Titel kommt mir von einem Aborted-Album verdächtig bekannt vor) bereits fertig sei und vor allem in Sachen Gore noch eine ordentliche Schippe draufgelegt werde. Wenn dem Plot vielleicht die eine oder andere Wendung spendiert wird und Howden die humoristischen Ideen nicht ausgehen, kann dabei eigentlich nur Großes entstehen.

8.5/10

Dieser Beitrag wurde in Reviews, Sonstiges, Splatter geschrieben und mit , getaggt. Speichere den Permalink.

Schreibe einen Kommentar