Ein Zombie hing am Glockenseil

Originaltitel: Paura nella città dei morti viventi
Alternativtitel: City of the Living Dead
The Fear
The Gates of Hell
Ein Kadaver hing am Glockenseil
Eine Leiche hing am Glockenseil
Die Stadt der lebenden Toten
Ein Toter hing am Glockenseil
Genre(s): Zombie-Splatter
Regisseur: Lucio Fulci
Produktionsland/-jahr: Italien 1980
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Hier haben wir ein ziemlich berühmtes Filmchen, auch unter Nicht-Splatterfreunden. Könnte am einprägsamen Titel liegen. Auch den deutschen Zensurbehörden ist das wohl verbreitetste Werk des italienischen Veteranen Lucio Fulci bestens bekannt: Etliche Male legten deutsche Vertriebe neue geschnittene Versionen vor, die jedoch nach und nach beschlagnahmt wurden. Unter dem Titel Eine Leiche hing am Glockenseil erschien 1988 letztendlich eine von allen Gewaltszenen befreite Version, nachdem zuvor weder der Zombie, noch der Tote und später der Kadaver (jop, sehr originelle Namensgebung jeweils; immerhin war das Glockenseil stets dabei) den Ansprüchen des Volksvormunds genügte. Eine ungekürzte, vollständig deutsch synchronisierte Version gibt es dennoch, da sich die ursprüngliche Fassung ganze vier Jahre ohne Verbot halten konnte, und selbige liegt diesem Review zugrunde (wobei die Synchro – soviel kann ich vorwegnehmen – eh erbärmlich ist, aber das ist man ja gewohnt).

Story

Der Film beginnt mit dem namensgebenden Seil, an dem sich der Pfarrer eines amerikanischen Städtchens namens Dunwich aufhängt. In einer spiritistischen Sitzung einige hundert Kilometer weiter hat die junge Frau Mary eben jenen Suizid per Vision wahrgenommen, ebenso wie dessen Auswirkungen, über die wir zusätzlich von der in überirdischen Belangen erfahrenen Leiterin der Seance informiert werden: Da das Kaff auf der alten Hexenhochburg Salem erbaut wurde (ungeachtet der Tatsache, dass Salem in Massachusetts in Wirklichkeit noch existiert, aber wie hätte Fulci das vor 30 Jahren ohne Wikipedia herausfinden sollen?), wird der Selbstmord die Toten dazu bringen, am Totensonntag aufzustehen und… nun ja, vermutlich die Weltherrschaft zu übernehmen, oder so. Nicht allzu angetan von dieser Prophezeihung stirbt Mary spontan, nur um es sich im Sarg anders zu überlegen und wieder zu erwachen (nicht als Zombie, wohlgemerkt). Der Journalist Peter ist zur rechten Zeit am rechten Ort und befreit sie aus dem Erdmöbel, wobei es an ein Wunder grenzt, dass sie die ungestüme Befreiungsaktion überlebt.
Mary und Peter machen sich zwecks Rettung der Menschheit auf den Weg nach Dunwich, wo derweil schon allerhand übles Werk verrichtet wird, da sich einige der Ex-Lebenden nicht noch die paar Stunden bis Totensonntag gedulden konnten und bereits ihren Gräbern entsteigen. Zudem ist der Pfarrer offenbar zu ihrem Anführer mutiert und koordiniert die Verbreitung von Angst und Schrecken ein wenig. Letztendlich verbinden sich die zwei Handlungsstränge, als Mary und Peter in Dunwich eintreffen und sich mit den dortigen Hauptprotagonisten Gerry und Emily verbünden, um den finalen Showdown zu bestreiten.

Bewertung

Wie man sieht, handelt es sich um eine typische, teils doch sehr an den Haaren herbeigezogene Story, die einzig dem Zweck dient, möglichst viele Zombies und deren Opfer, sowie eine bevorstehende Apokalypse und den Versuch der Abwendung derselben unterzubringen. Soweit kein Problem; ich werde mich hüten, viel mehr von einem Zombiefilm dieser Ära zu erwarten, der nicht von Romero stammt. Etwas störend sind allerdings ein paar Elemente, die auch auf dem zweiten (dritten, vierten, fünften, you get the idea) Blick rein gar nichts mit dem eigentlichen Plot und dessen Entwicklung zu tun haben; insbesondere die relativ umfangreiche Einführung des in Dunwich unpopulären Bob. In dessen Fall könnte man argumentieren, die Geschehnisse rund um ihn seien eine Anspielung auf die Vergangenheit von Salem (Stichwort Sündenbock), aber schlussendlich dient es ausschließlich der Rechtfertigung einer zweifellos nichts als selbstzweckhaften Gore-Szene.

Zugegeben, besagte Szene ist nett anzusehen; allgemein bewegt sich das Splatterlevel auf einem hohen Niveau. Schade, dass solche Sequenzen verhältnismäßig dezent eingesetzt werden. Nicht dass eine sinnfreie Aneinanderreihung von Gore per se wünschenswert ist, aber wenn die Story hanebüchen und die Charaktere vollkommen flach sind, hätte etwas häufigerer Splatter schon für mehr Wohlwollen sorgen können. Zu allem Überfluss begeht Fulci eine der Todsünden des Genres, denn er war offenbar von einem Effekt, den man als Gehirnentnahme durch die ehemals geschlossene Schädeldecke beschreiben könnte, so begeistert, dass er ihn gleich zweimal wiederholt. Tolle Sache, wenn der wohl in der Tat beste Effekt des Films seine Wirkung verliert, weil man ihn zu oft sehen darf…

Kommen wir zur Hauptzutat eines Zombiefilms. Die untoten Viecher sehen akzeptabel aus; sicherlich böser und …ähm, realistischer als im originalen Dawn of the Dead, aber wiederum nicht so gut wie z. B. in Fulcis eigenem Woodoo (a.k.a. Zombi 2), den er ein Jahr vor dem Glockenseil drehte. Was jedem Anhänger von Romeros klassischem Zombiebild sehr sauer aufstoßen dürfte, ist die Verhaltensweise der Verwesten: Zwar können sie wenigstens nicht rennen, aber sie verfügen über die Möglichkeit, einfach mal zu verschwinden und an anderer Stelle wieder aufzutauchen; sich also quasi durch die Gegend zu teleportieren. Muss wohl auch noch ein Einfluss der Salem’schen Hexen sein, sonst wüsste ich nicht, wo die Jungs – insbesondere in ihrem nicht mehr ganz taufrischen Zustand – so eine Fähigkeit herhaben sollen. Jaja, mittels des Arguments der Logik einen Zombiefilm kritisieren zu wollen, ist wahrscheinlich nicht die sinnigste Idee, aber das widerspricht doch wirklich jedem geschriebenen und ungeschriebenen Gesetz des Genres. Romero würde sich im Grabe umdrehen, wenn er tot wäre.

Auf die Charaktere tiefer einzugehen, lohnt sich wie gesagt nicht; ebenso wie sie sind leider auch die sie verkörpernden Schauspieler eher farblos. Klar, Glanzleistungen kann man ohnehin nicht erwarten, richtig schlimme Ausfälle gibt es allerdings auch nicht. Christopher George als Journalist Peter fällt noch am ehesten auf, wenn auch in negativer Hinsicht: Angesichts des bevorstehenden Populationsanstiegs der Untotenschicht hätte er vielleicht etwas besorgter wirken und sein verschmitztes Dauergrinsen beiseite legen können. Dass sein Blick zudem vermuten lässt, dass er sich ständig ausmalt, im nächsten Augenblick Mary zu bespringen, stört ebenfalls zunehmend (nein, es ist kein Plot-Point; das hätte ja wiederum wenigstens was lustiges an sich).
Keinen Gefallen getan hat man den Schauspielern mit dem bis zum Erbrechen eingesetzten Zoom auf ihr Gesicht, nachdem sie einen mehr oder weniger bedeutsamen, düsteren Satz geäußert haben. …“Am Totensonntag werden sie auferstehen! *ZOOM*“… „Irgendwas gefällt mir an dieser Stadt nicht. *ZOOM*“… „Ich glaube, ich bin in Hundescheiße getreten. *ZOOM*“… ähem, naja, jedenfalls wirkt das eher belustigend als dramaturgisch nützlich. Natürlich mag das 1980 noch anders gewirkt haben und es ist eh eine bekannte Marotte Fulcis, aber in diesem Ausmaß geht das gar nicht.

Zu guter Letzt sei gesagt, dass bei aller Kritik die Atmosphäre absolut brauchbar ist und die Stadt der lebenden Toten in der einen oder anderen Einstellung angenehm bedrohlich, verloren etc. wirkt. Dunkelheit, Nebel und Farbfilter machen’s möglich; das ist zwar sicher nicht originell, aber es funktioniert. Seinen Beitrag zur Atmosphäre leistet der Score, der selbstverständlich gemäß der Konventionen des italienischen Zombiefilms aus merkwürdigen Synthie-Melodien besteht, aber im Gegensatz zu unzähligen weiteren Vertretern nie nervig wird und meistens gut zum Geschehen passt. Dass man kurz vor dem – btw sehr enttäuschenden – ultimativen Showdown vermeintlich das Intro von „It’s Raining Men“ zu hören bekommt, mag unfreiwillig komisch wirken, aber gerade dieser Teil des Soundtracks weiß wirklich zu gefallen.

Fazit

Trotz einer anspruchslosen Story ohne sonderlichen Spannungsaufbau und einem sehr schwachen Finish, nimmt Ein Zombie hing am Glockenseil zumindest durch seine sehr gut um-, aber zu sparsam eingesetzten Gewaltszenen und einer soliden bis überdurchschnittlichen Atmosphäre letztendlich doch eine erwähnenswerte Position in der spätestens nach dem Erfolg von Dawn grassierenden Zombiewelle ein – das wurde und wird alles schon um einiges schlechter gemacht. Daran, dass er zurecht zu den bekanntesten klassischen Zombiefilmen der 70er bis 80er gehört, habe ich dennoch massive Zweifel. Ebenso übrigens an denjenigen, die hierzulande für sein berüchtigtes Image verantwortlich sind (um mal den Bogen zur Einleitung zu schlagen): Der Film besitzt keineswegs ein derartiges Gewaltmaß, dass das Vorgehen der Gerichte plausibel wirkt. Sicherlich ist er hart, aber bei Betrachtung der Verbots- und Beschneidungsgeschichte könnte man glatt meinen, es mit dem derbsten Nonstop-Splatter aller Zeiten zu tun zu haben. Vielleicht wäre er aber glimpflicher davongekommen, wenn er theoretisch auch ohne seine Gewaltszenen funktionieren würde – dafür ist jedoch wie beschrieben die Story nun wirklich zu schwach und der Rest nicht gut genug, um dies zu kompensieren.

5/10

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