Snuff Road

Originaltitel: Snuff Road
Genre(s): Drama, Horror
Regisseur: Richard Stark
Produktionsland/-jahr: Deutschland 2003
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Ein deutscher Amateurfilm mit dem Titel Snuff Road – wer denkt hier nicht zuerst an Andreas Schnaas oder meinetwegen auch Olaf Ittenbach und ein Metzelwerk voller Gedärme? Zur Beruhigung: Nein, der Film ist weder von Schnaas, noch übertrieben splattrig, sondern steht vielmehr in der Tradition solcher Streifen wie Last House on the Left oder I Spit on Your Grave, zumindest nach eigener Aussage. Auf jeden Fall wird, wie manch einer unter vollsten Einsatz seiner geistigen Kräfte schon dem Titel entnehmen könnte, mit der Snuff-Thematik gespielt.

Story

Markus, Tim und Daniel (der Kameramann des Trios, der zwar gelegentlich etwas sagt, aber nie selbst zu sehen ist) fahren im Sommer 2003 durch Berlin und suchen eine Hauptdarstellerin für ihren Film. Was das für ein Streifen werden soll, ist anfangs unklar – mit der Zeit kann man nicht zuletzt anhand der vorhandenen Requisiten wie Messer, Kunstblut, Fesseln etc. aber darauf schließen, dass hier Snuff gefaked werden soll; möglichst natürlich mit einer attraktiven jungen Dame in der Hauptrolle.

Nach einigen Misserfolgen und Auseinandersetzungen mit den von ihnen angesprochenen Passanten finden die Drei schließlich die Schweizerin Laura, die der Grundidee eines Filmdrehs schon aufgeschlossener gegenübersteht. Sie habe zwar noch kurz einen Termin in der Schweizer Botschaft, sei dann aber bereit, den Jungs zu helfen. Unsere Nachwuchsregisseure spielen Chauffeur für sie, doch der Weg führt nicht zur Botschaft, sondern in ein entlegenes Waldstück (wäre sie Österreicherin, schlösse sich das ja nicht unbedingt gegenseitig aus). Kamera und Requisiten sind griffbereit…

Bewertung

Schön zu sehen, was mit geringsten Mitteln so auf die Beine stellen kann; da können sich nicht nur tausende weitere Amateurfilmer, sondern auch die eine oder andere professionelle Produktion manche Scheibe abschneiden. Ebenfalls bemerkenswert, wie es gelungen ist, einen Film mit zwei grundverschiedenen Hälften zu kreieren, ohne dass der leicht fließende Übergang wie aus der Luft gegriffen wirkt. Die erste Hälfte dient der Exposition, und dafür nimmt man sich reichlich Zeit. In erster Linie erfahren wir schon einiges über den spätpubertären, etwas kranken aber keineswegs unsympathischen Charakter der Jungs. Nachdem mehrmals die optimale Frau für ihren Film gefunden zu sein scheint, treffen sie schließlich erst nach mehreren Anläufen auf Laura, woraufhin Snuff Road die Kehrtwende vollzieht. Laura ist ziemlich gefesselt (also wortwörtlich), wird erniedrigt und zunehmend zur Kooperation gezwungen und muss schließlich einsehen, dass in der Botschaft wohl vergeblich auf sie gewartet werden wird. An dieser Stelle lautet die zentrale Frage natürlich: Wird hier wirklich nur Fake-Snuff gedreht? Die sich vor allem in der zweiten Hälfte äußernde Unterschiedlichkeit der Charaktere von Tim und Markus stiftet trotz der zunehmend drastischen Behandlung Lauras (think Guinea Pig: Devil’s Experiment, vielleicht nicht ganz so extrem) dahingehend weiter Verwirrung: Tim tritt stets verständnisvoll auf und erläutert gegenüber Laura die Notwendigkeit der Fesselung, Schläge usw. als notwendiges Übel für einen besonders authentisch wirkenden Film, während Markus eher aggressiv wirkt und seine scheinbar ausgeprägte psychopathisch-sadistische Ader immer weniger zu verbergen versucht. In einem ihrer ungeknebelten Momente kommt auch Laura zu dem Schluss, Tim sei nicht wie Markus; dieser wolle sie wirklich töten. Dem Zuschauer bleibt kaum etwas anderes übrig, als damit konform zu gehen, doch eine klare Antwort bleibt lange aus. Szenen, in denen Markus beispielsweise mit einem Messer ein wenig an Laura reibt, erzeugen dadurch eine unheimliche Suspense. Ohrfeigen werden nach Anweisung des Kameramanns gerne von Markus wiederholt, Laura wird gar für eine Nacht im Keller gefangengehalten, da am Tag zuvor der Akku des Camcorders den Geist aufgegeben hatte, doch es gibt nie wirkliche Gewissheit über das eigentliche Vorhaben der Jung-Regisseure. Respekt, das sorgt für Spannung und birgt Potenzial für ein gutes Ende.

Weitere Aspekte abseits der Story und des Spannungsaufbaus zu beurteilen ist naturgemäß schwierig, denn es handelt sich nunmal um einen Amateurfilm. Die Kameraführung ist verwackelt und wäre in einem professionellen Film gerade auch aus dramaturgischer Sicht miserabel (und nun ja, ich kann nicht leugnen, dass es nach einer Weile dann doch etwas auf den Sack geht), aber natürlich will Snuff Road vor allem eins – den Anschein von Authenzität. Dieser wird größtenteils erreicht; einerseits eben durch die billige Kamera, andererseits auch durch das anfängliche Suchen einer Darstellerin, bei der tatsächlich auch „echte“ Passanten gefilmt und angesprochen wurden. Leider wirken die Schauspieler selbst weniger authentisch und schaden dem Eindruck daher etwas. Speziell zu Beginn wirken einige Dialoge viel zu aufgesetzt, sowie die Hinweise auf die möglicherweise nicht ganz gesunde Psyche der Jungs sehr übertrieben (was aber wiederum stets auch einfach post-pubertäre Herumalberei sein könnte; man weiß es nicht). Später wurde wohl zunehmend improvisiert; hier sind die Gespräche wiederum zu monoton und langweilig, aber kommen eben schon wieder realistischer rüber. Markus‘ Charakter wird in der zweiten Hälfte immerhin ganz gut gezeichnet, während Tim zu naiv wirkt. Karin Schilling als das Opfer Laura ist sehr glaubwürdig und sicher die beste Darstellerin des Films (allerdings hat sie laut IMDB wie die meisten anderen Beteiligten keine weitere Erfahrung; Henning Fischer als Markus jedoch spielt seit 2007 hin und wieder in amerikanischen Produktionen – es scheint sich um nichts weltbewegendes zu handeln, aber immerhin ist eine Kleinstrolle in der Mystery-Serie Fringe dabei). Bei Kameramann Daniel handelt es sich um Regisseur Richard Stark höchstselbst. Seine gelegentlich eingeworfenen Kommentare sind teilweise ziemlich witzig; sie machen in regelmäßigen Abständen auch immer wieder darauf aufmerksam, dass alles, was wir zu sehen bekommen eben aus seinem Camcorder kommt und somit „live“ und authentisch ist. Kommt gut.

Eingangs fiel das Stichwort bereits: Splatter. Ein offenbar notwendiger, manchmal schrecklich übertrieben und unpassend dargestellter Bestandteil des härteren deutschen Amateurfilms. Dankenswerterweise verzichtet Richard Stark auf halbgare Effekte (vernünftige hätten das Budget wahrscheinlich eh um mehrere 100 Prozent überschritten), sondern lässt sie bis auf den sparsamen Einsatz von Kunstblut lieber ganz weg. Vollkommen okay, und es bringt eben auch mit sich, dass Laura von größeren körperlichen Verletzungen verschont bleibt und sich das Ganze vielleicht doch nur um einen Film; ein Schauspiel handeln könnte.

Fazit

Meinen Respekt an Richard Stark – es wurde hier ohne nennenswerte Mittel ein guter Amateurfilm geschaffen, dessen Konzept auf diese Weise wohl auch nur in einem solchen funktioniert, ohne allzu künstlich zu wirken. Die Parallelen zu bspw. Last House on the Left drängen sich mir im Gegensatz zu den Machern jetzt nicht so sehr auf – jedenfalls nicht im Hinblick auf die Storyentwicklung oder die generelle Dramaturgie, was meines Erachtens die wichtigsten und besten Aspekte von Snuff Road sind -, viel bessere Vergleiche kommen mir aber auch nicht in den Sinn. Fans dieser klassischen Rape-and-Revenge-Streifen dürften aber durchaus zur Zielgruppe gehören, natürlich immer vorausgesetzt, dass über die Amateurherkunft mit all ihren Nebeneffekten hinweggesehen werden kann.

6.5/10

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