Chain Reaction

Originaltitel: Chain Reaction
Alternativtitel: House of Blood
House of Horrors
Genre(s): Horror, Splatter
Regisseur: Olaf Ittenbach
Produktionsland/-jahr: Deutschland 2006
Weitere Informationen: Weitere Informationen in der OFDb

Eine Vorbemerkung: Dieses Review stammt ursprünglich aus dem Jahr 2006; hinter manchen Aussagen kann ich heute evtl. nicht mehr stehen, da ich den darauffolgenden Output des Regisseurs größtenteils noch nicht kenne.

Olaf Ittenbach ist ein zweischneidiges Schwert. Das Vorbild vieler Horror-/Splatter-Fans, die selbst gerne mal ein kleines Filmchen realisieren würden, ist längst kein Amateur mehr, aber bei aller Sympathie tue ich mich auch schwer damit, ihm uneingeschränkt Professionalität zuzuschreiben. Die Konzentration auf Spezialeffekte mit einhergehender Vernachlässigung der restlichen Filmqualität hat er nie so richtig abgelegt – bei Premutos war das meiner Meinung nach gar kein so großes Problem, während Garden of Love mit seinem Versuch, eine halbwegs intelligente Story mit gleichzeitigem Zurückschrauben des Splatteranteils zu konstruieren mächtig scheiterte. Nichtsdestotrotz stehe ich neuem Material des Bayern zumeist recht euphorisch gegenüber; die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Im Fall von Chain Reaction nahm ich schließlich sofort nach dem Release mit der leicht geschnittenen deutschen Verleih-DVD vorlieb, um ihn schnellstmöglich zu sehen, weshalb diese Version diesem Review zugrunde liegt.

Story

Auf einer ansonsten eher einsamen Straße irgendwo im Land of the Free stoßen eines Tages ein PKW und ein Gefangenentransporter zusammen. Die Polizisten werden schnell überwältigt, sodass die vier Kriminellen sich auf die Flucht begeben können. Dummerweise wurde einer von ihnen – namentlich Spence – angeschossen und wäre folglich medizinischer Versorgung nicht abgeneigt. Wie der Zufall so will, hat der Fahrer des PKW überlebt und ist Arzt von Beruf. Dr. Doug Madsen wird folgerichtig erst einmal zum Anschluss an die Party genötigt. Es beginnt ein Marsch in Richtung der kanadischen Grenze, der nach einiger Zeit an einem alten, etwas heruntergekommenen Haus endet. Die dort residierende Familie scheint – darauf lassen ihre Kleidung und Sprache schließen (wird uns zumindest weisgemacht) – aus dem späten Mittelalter zu stammen. Spence, übrigens der Bruder des selbsternannten Anführers der Gruppe, kann nur durch eine Amputation gerettet werden (Achievement unlocked: Schneide jemandem in deinem Film so schnell wie möglich irgendwelche Gliedmaßen ab. 500 Splatterpunkte an olaf69). Sämtliche Ratschläge der altertümlichen Bewohner des Hauses, z. B. den abgetrennten Arm sofort zu verbrennen und sowieso am besten umgehend aus der Gegend zu verschwinden, werden speziell vom aggressiven Anführer Arthur ignoriert, was sich als eher subobtimale Idee herausstellt: Die Einsiedler geben sich als dämonische Bestien zu erkennen und verleihen dem durch die blutige Auslöschung der Eindringlinge Nachdruck. Lediglich Dr. Madsen (der auf irgendeine Weise mit Alice, einer Bewohnerin des Hauses, verbunden zu sein scheint) überlebt, wird aber von der Polizei aufgegriffen und mangels Glaubwürdigkeit seiner Geschichte eingekerkert. In einem Gefangenentransport soll er in einen Knast in Seattle überführt werden, doch auf einer ansonsten eher einsamen Straße irgendwo im Land of the Free kommt es zu einem Unfall…

Bewertung

Es ist erschreckend (hm, das Umschalten in den Verriss-Modus ist irgendwie zu offensichtlich), wieviel Platz die Entwicklung der Story im Verhältnis zu ihrem inhaltlichen Potenzial bekommt, denn das ist wirklich kaum vorhanden. Als Alibi-Plot zur Verknüpfung vieler Splattereinlagen kann so etwas funktionieren, das hat Ittenbach selbst ja längst bewiesen, aber hier versucht er allen Ernstes, die Handlung zum tragenden Element des Films zu machen. Zugegeben, in der ersten Hälfte scheint das sogar noch halbwegs zu klappen, doch nach der Festnahme des Doktors beginnt alles von vorn; die Geschichte wiederholt sich fast 1:1, lediglich die Charaktere ändern sich. Die zuvor noch durchaus vorhandene Spannung geht dadurch komplett verloren und gerade in der zweiten Hälfte des Films läuft es dann doch wieder darauf hinaus, dass man der nächsten Splattersequenz entgegenfiebert. Die Story ist höchst unbefriedigend, selbst das für sich allein betrachtet gar nicht so verkehrte Ende verliert seine Wirkung völlig, weil es zuvor versäumt wurde, dem Gezeigten einen Sinn zu geben oder die Hintergründe der überlebenden Charaktere etwas besser als mit sehr vagen Andeutungen zu beleuchten, bzw. ihnen überhaupt erstmal einen Charakter zu geben.

Neben den platten Charakteren sind die sie verkörpernden Darsteller der nächste große Kritikpunkt an Chain Reaction. Kaum einer der Schauspieler erreicht wenigstens Mittelmaß; insbesondere die Gefangenen nerven mit ihrem Overacting und pseudo-coolen Sprüchen schnell. Simon Newby (höhö) als Arthur und der mir namentlich unbekannte langhaarige Knastbruder in der zweiten Hälfte stechen ganz besonders negativ hervor, selbst Hauptdarsteller Christopher Kriesa (dem einen oder anderen vielleicht aus einer seiner zahlreichen Nebenrollen und diversen anderen Ittenbach-Streifen bekannt) erscheint aufgrund seiner nicht vorhandenen Mimik und einer generellen Hölzigkeit seines Schauspiels überaus schwach. Veteran Jürgen Prochnow, der es dereinst ja sogar schaffte, House of the Dead ein bisschen erträglicher zu machen, tritt als Polizist nur sehr kurz auf und kann gegen das allgemeine Elend nicht viel ausrichten. Am besten gefallen mir noch Dan van Husen (auch so ein notorischer B-List-Actor, bekannt aus der Jess-Franco-Trashgurke Killer Barbys vs. Dracula und etlichen deutschen TV-Serien) als billige Hannibal-Lecter-Kopie, sowie mit Abstrichen Regisseursgattin Martina Ittenbach in ihrer ersten größeren Rolle als Alice (obwohl auch sie das Vorhandensein mehrerer Gesichtsausdrücke offenbar für eine unnötige Extravaganz hält). Letztere leidet ebenso wie der Anführer der „Familie“ unter der grauenvollen Synchronisation (ja, der Film wurde auf englisch gedreht) – aus ihrem mittelalterlichen englischen Dialekt wurde in der deutschen Version eine Grammatikvergewaltigung, die am ehesten an Yoda aus Star Wars erinnert, die ich aber jetzt nicht unbedingt primär mit dem Mittelalter in Verbindung bringen würde.

So, damit wären die traditionellen Schwachpunkte der Ittenbach’schen Vehikel abgearbeitet; es bleibt die Frage, ob die technische Seite, insbesondere natürlich die Effekte, für den mistigen Rest entschädigen kann. Die grundsätzliche visuelle Gestaltung stößt schonmal sauer auf. Kurze zeitgerafferte Kamerafahrten (mit einem entsprechenden Soundeffekt unterlegt) und übertrieben schnelle Schnitte wirken auf mich stets wie eine Anbiederung an die ADHS-geplagte MTV-Generation und sollen wohl statt meinem Brechreiz eigentlich den Coolness-Faktor erhöhen. Zur Stimmung im Haus passen sie eh nicht, sondern schaden vielmehr der sich mitunter schon aufbauenden netten Atmosphäre, an der es dem Film ansonsten eh grundsätzlich mangelt.
Der Splatter ist die unumstrittene Stärke des Regisseurs, das wird auch in Chain Reaction wieder sehr deutlich. Es wird mit vielerlei Utensilien herumgemetzelt (von ordinären Schusswaffen bis zur Königsdisziplin – der Kettensäge – ist so einiges dabei) und die Qualität der abgetrennten Gliedmaßen, spritzenden Eingeweiden und abgerissenen Köpfen ist enorm. Das trifft sogar auf die geschnittene Version zu, in der zwar gelegentlich recht auffällig weggeblendet wird, die aber dennoch kaum einen Gorehound enttäuschen wird. Leichtere Mängel gibt es bei den etwas billig aussehenden Masken der Dämonen, aber ansonsten zeigt Ittenbach erneut, dass er sein Handwerk diesbezüglich absolut versteht. Das Problem dabei ist nur, dass die Gewaltausbrüche einen zu geringen Anteil an der Gesamtlaufzeit haben (damn, wie sich das schon wieder anhört). Es gibt zwei böse Schlachten mit den Dämonen, sowie ein paar kleinere Szenen am Anfang und Ende des Films, was letztlich zu wenig ist, um ihn angesichts des schwachen Restes aus der Unterdurchschnittlichkeit herauszureißen. Wie schon erwähnt, kommt es spätestens ab der Hälfte doch wieder so, dass der Splatter den Film alleine tragen muss und daher herbeigesehnt wird, was in diesem Fall offensichtlich nicht im Sinne des Erfinders war.

Fazit

Meine relativ hohen Erwartungen wurden also abermals enttäuscht; Ittenbach kann seine alten Schwächen offenbar einfach nicht abstellen. Neben dem schwachen Drehbuch trägt auch der Cast seinen Teil dazu bei, Chain Reaction zu einem 08/15-Splatter zu machen. Zu Beginn noch vielversprechend, herrscht später weitenteils Langeweile; auch die dezent eingestreuten Gags zünden selten. Alles in allem ist es leider einfach kein guter Film. Hirnloser Nonstop-Splatter mag nicht das Optimum sein, aber das wäre allemal besser als eine viel zu breit aufgebaute Story, die dennoch letzten Endes nichts als ein Alibi darstellt – ich traue es Ittenbach spätestens seit seinem Familienradgeber [sic] zu, genug Ideen zu haben, um an die klassischen Fun-Splatter anzuschließen; eine konsequente Zurschaustellung seiner FX-Künste liegt ihm jedenfalls offenbar mehr als eine Einbettung der Metzeleien in einen unglaubwürdig und undurchdacht zusammenkonstruierten Plot.

3/10

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